|

Türkei – Zwischen Orient und Okzident

Workaway Türkei
Schon lange steht bei uns Helfen in einem Permakulturgarten auf der Liste, und in der Türkei finden wir den passenden Ort. Rayna und Stu sind „Aussteiger light“ aus London mit Wurzeln in Pakistan und Indien. Vor zehn Jahren haben sie sich entschieden, nur noch drei Monate im Jahr in England zu arbeiten und den Rest des Jahres in einem kleinen Dorf nahe der westlichen Südküste der Türkei zu verbringen. Hier haben sie etwa 5 ha Land, ein zerfallenes Haus und eine Scheune erworben und alles sehr stilvoll mit Hilfe einheimischer Handwerker aufgebaut. Mittlerweile trägt das Land Früchte: Es gibt Orangen, Zitronen, Äpfel, Birnen, Quitten, Pfirsiche, Aprikosen, Weintrauben, einheimische Pflaumen, Granatäpfel, Maulbeeren, Mandeln und Walnüsse. Der Maulbeerbaum ist das perfekte Habitat für Seidenraupen; so kam der Baum vor Hunderten von Jahren aus China in die Türkei. Man findet die Bäume sehr häufig, auch wild wachsend. Leider waren die einzigen Früchte, die wir Ende März probieren konnten, die Orangen, da alles andere noch nicht reif war. Schade, denn die Orangen waren schon unglaublich lecker. Wir verbringen hier fünf sehr intensive Tage mit Gartenarbeit von 9 bis ca. 15 Uhr bei meistens schönem Wetter, jeweils drei Essenspausen und Gesprächen über dies und das, plus dem Besuch einer antiken Stätte und eines Berggipfels. Bei der Arbeit und beim Essen werden wir immer von den Dorftieren begleitet: zwei Katzen und ein Hund, die den beiden nicht gehören, aber ihnen gerne täglich mindestens einen Besuch abstatten. Der Hund, Pasha, ist eine Dorfberühmtheit und zeigt sein Talent gerne, indem er fünfmal täglich mit dem Muezzin einstimmt. Der Kater Gingers, was so viel heißt wie „scharfes Auge“, folgt uns bei der Arbeit auf Schritt und Tritt. Die Namen der Tiere im Dorf haben immer eine Bedeutung und beschreiben eine ihrer Eigenschaften. Eigentlich sollte Gingers eher „großes Gehänge“ heißen, finde ich (siehe Foto). Dann gibt es noch Pamuk („Baumwolle“) wegen seines weißen Fells. Von Stu und Rayna lernen wir die Basics der Permakultur, z.B. wie man Kompost macht, die Wichtigkeit von Schatten und dass Rosmarin im Garten nicht nur hübsch aussieht, sondern Schädlinge und Mücken vertreibt. Die Zeit auf dem Land verfliegt schnell und schon sitzen wir im Bus nach Bursa, der ehemaligen Hauptstadt des Osmanischen Reichs.

Bursa
Die nächsten Tage regnet es fast ununterbrochen, deshalb entscheiden wir uns für die lange Fahrt (9 Stunden), um möglichst nah an Istanbul zu kommen, unser nächstes Ziel. Bursa soll eher konservativ sein, anders als der Rest der Westtürkei. Es sind einige Touristen da, aber kaum Europäer, und man sieht viel häufiger Frauen mit Kopftuch und verhüllender Kleidung. Es scheint einen großen Hochzeitsmarkt in der Umgebung zu geben, denn die Hauptstraße von unserem Hotel Richtung Zentrum ist voll mit Hochzeitskleiderläden. Das Motto ist: je pompöser, desto besser. Wir machen etwas Sightseeing, schauen uns die Altstadt und die Karawansereien an. Die Karawansereien waren die Hotels aus der Zeit der Seidenstraße, als die Händler mit Kamel und Pferd durchs Land zogen, um ihre Waren zu verkaufen. Hier konnten sie sich ausruhen, die Tiere und Waren unterstellen und etwas essen. Die Gebäude sind rechteckig mit einem großen Innenhof, so ähnlich wie ein Riad in Marokko. Bis heute hat sich die Funktion der Gebäude in Bursa kaum geändert. Es sind Geschäfte, Cafés und Restaurants in die historischen Komplexe eingezogen.

Istanbul
Mein lang ersehnter Traum: Istanbul. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen deshalb viel zu groß. Istanbul war in meiner Vorstellung der Inbegriff von Orient und 1001 Nacht. Die Atmosphäre hatte es für mich tatsächlich leider nicht. Vielleicht lag es am Wetter, an der Jahreszeit oder an der Tatsache, dass wir mitten in der touristischen Altstadt untergekommen sind. In drei Tagen schauen wir uns drei Stadtviertel von Istanbul an. Das historische Sultanahmet mit der Blauen Moschee, die man kostenlos besichtigen kann und die von außen und innen sehr beeindruckend ist. Die Hagia Sophia, die heute zum Teil Museum und zum Teil Moschee ist, schauen wir uns nur von außen an. Der Eintritt kostet 50 €, als gläubiger Moslem kommt man zu Gebetszeiten umsonst rein, aber die Geschichte würde mir niemand abkaufen. Eintritte für viele Sehenswürdigkeiten in der Türkei sind normalerweise sehr günstig, ca. 3 € für historische Stätten. Nur für die sehr exzessiv besuchten Orte wurden hohe Preise angesetzt. Es kommt mir geradezu lächerlich vor, dass ich in Marrakesch Eintritte von 10 € für überteuert hielt. Das zweite Viertel, Beyoğlu, liegt nördlich der Altstadt. Man erreicht es über die Galatabrücke zu Fuß oder mit der Straßenbahn. Sehr bekannt sind hier die Fischer, die den ganzen Tag von der Brücke kleine Fische angeln, meist für den Eigenbedarf. Das Viertel selbst gefällt uns nicht so gut. Der Galataturm ist cool und ein schönes Fotomotiv, aber ansonsten ist es hier eher etwas für Shoppingwütige. Viertel Nummer drei befindet sich auf der asiatischen Seite von Istanbul. Man erreicht es in ca. 20 Minuten mit der Fähre oder durch den unterirdischen Tunnel mit der Bahn oder dem Auto.

Kadiköy ist das Hipster-Viertel von Istanbul. Es hat einen kleinen Markt, viele Cafés und Restaurants und eine schöne Strandpromenade. Auf der Rückfahrt haben wir eine schöne Aussicht auf die vor uns liegenden Stadtufer bei Sonnenuntergang. Der letzte Abend in Istanbul ist unser Reisejahrestag, und eigentlich wollen wir nach dem Abendessen noch darauf anstoßen, aber irgendwie finden wir beim Umherlaufen keinen passenden Ort. Die Kellner, die einen von der Straße ins Restaurant hineindiskutieren wollen, nerven, und alle Läden sehen einfach ungemütlich aus. Die nervigen Kellner haben wir übrigens auch nur in Istanbul angetroffen; ansonsten konnte man fast immer in Ruhe die Karte anschauen, bevor man hineingeht. Wir sind schon dabei aufzugeben, als Simon einfällt, dass unser Hostel eine Rooftop-Bar hat. So können wir mit Blick auf die Hagia Sophia und die Blaue Moschee mit Bier, Raki und Ananassaft auf unser Jubiläum anstoßen.

Ankara
„Ankara is a waste of time“, sagt uns einer der Hostelmitarbeiter an unserem Abreisetag. Das deckt sich auch mit der Aussage unserer Workaway-Hosts und unserer Recherche. Trotzdem ist Ankara ein praktischer Zwischenstopp auf dem Weg nach Kappadokien, und so schlimm kann es echt nicht sein. Außerdem können wir so eine der wenigen Highspeed-Zugverbindungen in der Türkei nutzen. Dort angekommen, verstehen wir die Aussagen. Ankara ist eine moderne, geplante Großstadt ohne historischen Charme – praktisch eben. Es gibt trotzdem etwas zu sehen, wie das beeindruckende Atatürk-Monument und den ihm gewidmeten Park. Atatürk scheint für die Türken eine sehr wichtige Persönlichkeit zu sein. Sehr häufig begegnet uns sein Bild in Wohnungen, Hotels, Cafés und Restaurants. Soweit ich in Erfahrung bringen kann, hat er viel zur Modernisierung und zum wirtschaftlichen Wachstum der Türkei beigetragen, die während der Herrschaft der Osmanen in der Zeit zurückgefallen war. Ihm verdanken die Türken auch das lateinische Alphabet; vorher nutzte man das arabische. Wir freuen uns auch darüber – zwar können wir es nicht verstehen, aber zumindest lesen, anders als in Griechenland. Weil unsere Stimmung in Istanbul etwas getrübt war, beschließen wir, in Ankara unser Jubiläum in einem schicken türkischen Restaurant nachzufeiern. Es gibt Kebap à la carte und nicht im Fladenbrot oder in Yufka mit ein bisschen Scharf. Die Kellner fahren hier ein kleines Entertainment-Programm auf, mit Trockeneis und zehn Vorspeisen, die wir gar nicht bestellt haben. Ein Kellner schält für mich sogar die gegrillte Aubergine und entfernt die verbrannten Stellen von der Paprika. Zum Abschluss gibt es Çay und Baklava. Kurz vor dem Platzen verlassen wir zufrieden das Restaurant. Am nächsten Tag geht es schon weiter ins Feenland Kappadokien.

Similar Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *