Der Fjord ruft: Norwegens Westen
Trondheim
Wir lassen die Farm schweren Herzens hinter uns und machen uns auf den Weg zurück in die Zivilisation. Unser Host nimmt uns mit nach Trondheim zum Flughafen, von wo aus wir zu unserem AirBnB übersiedeln. Den ersten Tag nutzen wir, um uns wieder zurechtzufinden und einiges zu erledigen. Zum Beispiel um eine neue Hose zu finden, da die auf der Farm irgendwie verloren gegangen ist (?). Kleider sind in Norwegen nicht teurer als bei uns zuhause, aber da ich (laut meinem Fahrlehrer) ein “Sitzriese” bin, muss ich die Hose kürzen lassen – kostet mich hier mal gerade dasselbe wie die Hose selbst. Da kommt wieder das hohe Lohnniveau ins Spiel.
Trondheim ist die drittgrößte Stadt im Land und kann vor allem mit dem spektakulären Dom beeindrucken, den wir uns von innen ansehen. Ansonsten kann man viele schöne Gässchen und alte Häuser besichtigen, die auf Stelzen im Wasser stehen. Ein weiteres Highlight für uns ist Rockheim, ein Museum über die norwegische Rockgeschichte. Besonderes Schmankerl: Eine Sonderausstellung über den norwegischen Black Metal.





Åndalsnes
Auf dem Weg nach Åndalsnes bekommen wir einen Nachteil der zerklüfteten, wunderschönen Fjordlandschaft zu spüren: Selbst für relativ kurze Distanzen sind hier lange Busfahrten nötig, Züge gibt es an der Westküste kaum. So brauchen wir für die Distanz von Trondheim nach Åndalsnes mehr als 6 Stunden mit dem Bus für gerade einmal 260 km Strecke. Natürlich ist das nicht nur ein Nachteil, denn die Sicht durch das Busfenster ist eigentlich immer gut. In Åndalsnes haben wir perfektes Wetter für eine Wanderung zum Romsdalseggen erwischt. Wie bei bisher allen unseren Wanderungen in Norwegen ist auch hier der Aufstieg schweißtreibend, wird aber mit einer spektakulären Aussicht belohnt. So ganz können wir die Farm noch nicht hinter uns lassen, und so nutzen wir den nächsten Tag, um den Wald auszukundschaften und Heidelbeeren und Pilze zu pflücken – eine Gewohnheit, die wir schon in Trondheim begonnen haben und die wir die nächsten Tage auch weiterführen werden. Das Frühstück ist somit schon mal gepimpt ;- ) Wir leihen ein Kanu und paddeln ein bisschen über den Fluss. Die Ruhe hier ist herrlich, nur die Schießübungen des nahegelegenen Militärgeländes hallen durch das Tal und nerven ein bisschen.




Am letzten Tag müssen wir früh aufstehen, heute steht wieder eine Reiseetappe an. Auf die Planung bin ich einigermaßen stolz, denn mit dem heutigen Tag wollen wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden: Der Bus bringt uns über den Trollstigen mit halbstündigem Fotostopp zur Touriattraktion Nr. 1 in Norwegen, dem Geirangerfjord. Hier haben wir dann Aufenthaltszeit und können später eine Fähre nehmen, um weiter nach Stryn zu kommen. Wir nutzen die Zwischenzeit für eine Wanderung zu einem Wasserfall; am Ende der Wanderung hätten wir beinahe das Highlight verpasst: Am Zielpunkt führt eine unauffällige Treppe hinunter, und man kann auf einem kleinen Pfad hinter den Wasserfall gehen und die Wassermassen von oben herabstürzen sehen – wirklich cool! Auf dem Rückweg stolpert Klara über ihre eigenen Füße und stürzt ziemlich unglücklich – die nächste Hose ist fällig. Wir nehmen die Fähre bis nach Hellesylt und haben somit die obligatorische Fjordfahrt auch schon erledigt . Geiranger selbst ist zwar touristisch, aber jetzt, Mitte September, nicht mehr sonderlich überfüllt. Das Wetter wird schön und der Ausblick ist wirklich fantastisch. Insgesamt kann man Geiranger durchaus als überhyped bezeichnen, aber eine Rundfahrt, eventuell auch mit einem RIB-Boot, würde ich jedem empfehlen, besonders in der Nebensaison. In Hellesylt angekommen, kommt das Problem meiner ach so tollen Planung zum Tragen: Wir verpassen den Bus knapp und haben fast 4 Stunden Wartezeit, die Bordsteine sind um 18 Uhr hier aber bereits hochgeklappt. Als ausgebuffte Reisprofis (wir machen das schließlich hauptberuflich) kennen wir aber die Orte, um die Zeit zu überbrücken: In norwegischen Supermärkten gibt es häufig kleine Cafés, wo es günstigen Kaffee und gratis WLAN gibt – so auch in Hellesylt; hier hängen wir bis 20 Uhr ab. Dann schließt auch im Supermarkt das letzte geöffnete Lokal, wir ziehen deshalb weiter zum örtlichen Campingplatz. Hier hängt, professionell auf einem Post-it notiert, das Passwort an der Außenseite der Tür. Somit haben wir wieder WLAN, Sitzgelegenheit und Bad. Man wird ein bisschen zum Überlebenskünstler auf Reisen. Um 22 Uhr kommt tatsächlich noch ein Bus und bringt uns in einer Stunde nach Stryn.





Stryn
Nach Stryn verschlägt es uns vor allem zu einem Ziel: Die Via Ferrata in Loen. Ich wollte mich schon immer mal im Klettern probieren und Norwegen ist sicherlich nicht die schlechteste Gegend, um damit anzufangen. An Tag eins macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Wir müssen den Aufenthalt verlängern und alles einen Tag nach hinten schieben – jetzt, in der Nebensaison kein Problem. Das Warten hat sich dann aber gelohnt. Am nächsten Tag haben wir ideales Outdoorwetter. Wir laufen los, in einer Gruppe mit einigen (scheinbar) lustigen Norwegern, zwei Polen, einem Amerikaner und einem Neuseeländer. Zuerst geht es den “Monster-Hill” hinauf, wirklich steil und anstrengend. Dann kommt der erste Kletterpart, der Jungfrauberg, wie mir einer der lustigen Norweger erklärt. Hier wird an einem einfachen Felsen die Technik von der netten Guide erklärt und wir dürfen alle mal ran an den Berg. Dann geht’s über mehrere Abschnitte in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, eine steile Hängeleiter (“stairway to heaven”), eine Hängebrücke und als Highlight über ein Seil, das über eine Schlucht gespannt ist, nach oben. Der Aufstieg macht Spaß und ist viel weniger anstrengend als der Teil zu Fuß. Stellenweise geht der Adrenalinspiegel schon deutlich nach oben. Die Aussicht von hier oben ist eine der besten in Norwegen, wie ich finde. Zurück geht’s mit der Gondel, die völlig unspektakulär und für den irren Preis von 460 NOK one way (in unserem Fall inklusive) auch viel zu kurz ist. Wir finden es trotzdem ganz akzeptabel, den Weg nicht zu Fuß nach unten gehen zu müssen. Ein guter Start fürs Klettern, mal sehen, was uns da auf der Reise noch so begegnen wird 🙂





Eidfjord
Die nächste Reiseetappe toppt die bisher dagewesenen, ganze neun Stunden sind wir mit fünf verschiedenen Bussen unterwegs. Und auch wenn die Busse hier gerne mal verspätet sind (der norwegische Busfahrer (m/w/d) ist an sich eher ein entspannter Geselle), klappt verrückterweise alles nach Plan und wir kommen pünktlich in Eidfjord an. Es ist jetzt Mitte September und der Herbst startet durch. Auf die Wettervorhersage kann man sich auch 24 Stunden vorab nicht verlassen. Für das Wetter ist heute Gegenteiltag. Trotzdem schaffen wir es, eine kurze Wanderung zu einer historischen Grabstätte und zu einem der berühmtesten Wasserfälle des Landes, dem Vøringsfossen, zu machen. Das Ganze runden wir mit einer Fährfahrt durch den Hardangerfjord ab, die es meiner Meinung nach durchaus mit Geiranger aufnehmen kann, ohne dabei zu touristisch zu sein.



Odda
Den Ort Odda kennt man vor allem als Ausgangspunkt für eines der nächsten Touristenhighlights, nämlich die Wanderung zur Trolltunga – Instagram lässt grüßen. Als bekenennde social-media-Pappnasen spielt Instagram für uns keine Rolle und wir können somit beruhigt auf die Trolltunga verzichten. Dafür starten wir eine andere Wanderung zum Buarbreen, einem Gletscher ganz in der Nähe. Es ist einer der abwechslungsreichsten Aufstiege bisher, es geht durch den Wald, über Klippen, Brücken und durch Flüsse. Ausnahmsweise kommt man dieses Mal auch nicht sonderlich ins Schwitzen. Und ganz zum Schluss steht man vor einem Gletscher, genauer gesagt nur einem Zipfel des drittgrößten Gletschers von Norwegen. Im Sonnenschein schimmert das Eis blau, kühle Luft strömt vom Berg auf uns herab. Ein bisschen Ehrfurcht kommt dabei schon auf – schade für zukünftige Generationen, dass sie das wahrscheinlich nicht mehr erleben werden.


