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Workaway Norwegen

Nach der tollen Workaway-Erfahrung in Portugal wollen wir auch in Norwegen für ein paar Wochen sesshaft werden und jemanden bei seinem Projekt unterstützen. Wir finden eine Farm in einem winzigen Ort, zwei Stunden von Trondheim entfernt. Den nächsten Bahnhof erreicht man in einer halben Stunde mit dem Auto, und Trondheim liegt auf unserer Reiseroute – perfekt! Der Host ist ein Norweger in unserem Alter, der auch schon mehrere Jahre in England und in den USA gelebt hat. Die Farm und das umliegende Land sind seit Jahrhunderten in Familienbesitz. Auf der Farm gibt es Ziegen, Hühner, Schweine, Hasen und einen Hund.

Als wir ankommen, sind bereits vier Workawayer auf der Farm, und kurz nach uns kommen noch drei weitere dazu. Die Nationalitäten sind bunt gemischt. Deutschland, Frankreich, Spanien, England, Italien und am Ende noch Malta sind vertreten. Es gibt tägliche Aufgaben, die gemacht werden müssen, um die Farm und das Zusammenleben am Laufen zu halten: Tiere füttern, Ziegen melken, Eier einsammeln, Wohnbereiche und Bäder putzen, Wäsche waschen, Frühstück und Abendessen für eine Großfamilie zubereiten und abspülen. Darüber hinaus gibt es Wochenaufgaben wie Fischen, Käse- und Joghurtherstellung, gründliche Hausreinigung, Küchenreinigung und Stallreinigung. Und wenn man noch nicht genug hat, gibt es zahlreiche Projekte, bei denen man etwas bauen, reparieren, gestalten oder ausmisten kann.

Unser Host züchtet verschiedene Hühnerrassen wie Ayam Cemani (Indonesien), die komplett schwarz sind, bis auf die Knochen. Dann gibt es die Jersey Giants, die größten Hühner der Welt. Es wundert mich nicht, dass sie aus den USA kommen. Die Maran (Frankreich), ebenfalls eine große Hühnerrasse. Die Silverudds, eine schwedische Hühnerrasse, die grüne Eier legt. Überhaupt legt jede Rasse unterschiedlich farbige Eier. Dunkelbraun, hellblau, grün, rosa und beige. Da kann man sich an Ostern das Färben schenken. Ein paar Tage vor unserer Ankunft schlüpfen neue Kücken, darunter eine neue Rasse aus Polen mit lustigem Afro.

Simon will seine Ingenieurehre verteidigen und macht es sich zur Aufgabe einen uralten Milchseparator in Gang zu bringen. Er soll den Rahm von der Milch trennen, den man dann wiederum zu Butter verarbeiten kann. Die Anleitung zu diesem Gerät findet man nur noch in einem Museum in Norwegen, aber die Technik hat sich bis heute nicht geändert. Am Anfang fehlen noch Teile, die er irgendwo auf der Farm wiederfindet und reinigen muss. Wir machen mehrere Versuchsläufe mit verschiedenen Parametern. Der Separator muss von Hand gekurbelt werden. Ein Fitnessstudio kann man sich echt sparen, wenn man eine Farm hat. Mit vereinten Kräften und YouTube schaffen wir es tatsächlich und dürfen unsere erste Ziegenmilchbutter probieren. Am Ende sieht der Milchseparator fast wie neu aus.

Ich habe Glück, dass gerade Beerensaison ist und ich mich dabei „austoben“ kann. Wir sammeln Moltebeeren, Himbeeren und Heidelbeeren und stellen daraus Marmelade für die nächsten Generationen von Workawayern her. Na ja, ein Teil der Beeren wird ehrlicherweise gleich zum Frühstück verzehrt. Moltebeeren sehe ich zum ersten Mal. Der Geschmack erinnert mich etwas an Sanddorn, gemischt mit einer reifen Aprikose. Moltebeeren wachsen bevorzugt auf Mooslandschaften. Sie sind nicht so zahlreich, und ein guter Spot ist nicht leicht zu finden – dafür hat unser Host eine Karte angelegt. Himbeeren wachsen hier wild und sehr zahlreich, dafür muss man bei der Ernte aber ziemlich schnell sein, bevor sie einem vor der Nase wegfaulen. Die Wälder in Norwegen sind mit Teppichen aus Heidelbeeren ausgelegt. Die Saison ist etwa von Mitte August bis September. Das Sammeln macht echt viel Spaß. Auch bei unserer Weiterreise durch Norwegen gibt es nur noch frische Heidelbeeren zum Frühstück.

Etwa eine Woche nach unserer Ankunft wird der Hühnerschlachttag verkündet. Damit haben wir nicht gerechnet. Jeder packt mit an. Es ist kein gutes Gefühl, ein Huhn zu töten, dennoch sollte jeder, der Hühnerfleisch oder Eier isst, die Erfahrung gemacht haben und bereit dazu sein. Wir machen alles: vom Kopf abhacken, Federn rupfen, Innereien herausnehmen, Haut abziehen, Füße abtrennen, Brustfleisch heraustrennen, Fett abtrennen, Kochen und Restfleisch herauslösen. Die Küche wird für einen Tag zum Schlachtbetrieb. Alles vom Huhn, was verwendet werden kann, wird verwendet. Aus der Haut werden Hundeleckerli, das Fett wird zum Teil eingeschmolzen und zum Teil an die Schweine verfüttert. Aus den Knochen kochen wir Brühe.

Unserem Host gehört ebenfalls ein See, auf dem wir jederzeit fischen gehen können. Ein Workawayer aus Frankreich zeigt uns, wie man mit dem Boot auf den See hinaus rudert und Netze setzt. Wir fahren mit dem Traktor zum See – in der Fahrerkabine ist nur Platz für einen, der Rest sitzt auf dem Anhänger. Nicht bequem, aber „it’s part of the fun“, sagt der Franzose. Rudern muss mein Gehirn erst mal verarbeiten, und dann soll ich auch noch das Boot drehen und vorwärts rudern – „WTF“. Auf dem Weg zur Farm sehen wir gleich mehrere Elche. Sie kommen bei Dämmerung aus dem Wald auf die Felder. Sie haben sehr lange Beine und sehen beim Laufen irgendwie unbeholfen aus.

Am nächsten Tag, als wir die Netze herausholen, klappt das Rudern schon viel besser – jetzt macht alles Sinn. Gleich beim ersten Versuch holen wir 18 Forellen aus fünf Netzen. Genug für mindestens ein Abendessen. Der Fisch wird auch gleich nach unserer Rückkehr ausgenommen und am Abend zubereitet. Frischer geht es nicht.

Wie schon erwähnt, gehört Ziegenmelken zu den täglichen Aufgaben. Das bedeutet vier bis fünf Liter Milch täglich, die genutzt werden müssen. Als wir ankommen, gibt es schon Versuche mit Joghurt, Frischkäse und Mozzarella – alles gut, aber nicht lange haltbar. Deshalb konzentriere ich mich auf die Herstellung von Käse, den man lange reifen lassen kann. Alle Versuche sind zumindest optisch erfolgreich. Der Geschmackstest wird dann noch kommen, weil der Käse mindestens 30 Tage reifen sollte. So lange werden wir leider nicht bleiben. Mein einziger Versuch, aus überschüssigem Käsebruch Mozzarella zu machen, scheitert und wird zu „Mozzafeta“.

Die Arbeit auf der Farm ist befriedigend und macht Spaß, aber es gibt unendlich viel zu tun, sodass man seine Zeit – und vor allem seine freie Zeit – gut managen muss. Anders als bei unserem ersten Workaway in Portugal kommt niemand und sagt: „Hör jetzt auf und mach Feierabend.“ Die Zeit nach dem Abendessen und Küchendienst steht in der Regel zur freien Verfügung. Dann spielen wir oft gemeinsam mit den anderen Workawayern und dem Host Karten, schauen einen Film oder machen einen Spaziergang.

Wir haben Glück, und in der letzten Woche unseres Aufenthalts wird das Wetter nochmal sommerlich. Für einen Tag machen wir Urlaub von der Farm und fahren an die Waldhütte am See. Hier verbringen wir einen schönen Abend unter einem sternbedeckten Himmel. Am nächsten Morgen schwimmen wir im eiskalten See und wärmen uns anschließend beim Frühstück in der Hütte auf. Den Rest des Tages chillen wir am See und pflücken zwischendrin ein paar Heidelbeeren. Zum Abendessen geht es wieder zurück zur Farm. Nach dem Abendessen fahren wir zum Fischen hinaus, und am nächsten Abend gibt es den frischen Fisch vom Grill am See.

Ein weiteres Highlight der letzten Woche ist das Pilzesammeln. Unser Host ist zertifizierter Experte und gibt uns eine kleine Einführung in die Pilzwelt, bevor wir im Wald ausschwärmen und alle Pilze sammeln dürfen, die wir sehen. Nach etwa 20 Minuten treffen wir uns und analysieren gemeinsam unsere Ausbeute. Wir schaffen es, ein paar essbare, leckere Pilze zu finden – wie den Steinpilz oder Pfifferlinge. Der Rest ist ungenießbar oder verursacht Magenverstimmungen. Es gibt auch giftige Pilze im Wald, aber die sind meist gut zu erkennen, wie der Fliegenpilz. Die Pilzwelt ist faszinierend und es gibt sie in allen Formen und Farben.

An unserem letzten Abend stehen die Chancen gut, Polarlichter zu sehen, und wir bleiben lange auf. Wir gehen hinauf auf den Hügel hinter der Farm, und die Ziegenherde begleitet uns. Dann ist es soweit: Es beginnt mit tanzenden Wolken, und am Ende sehen wir leicht grünliche Lichter am Himmel. Ein schöner Abschluss für unseren Aufenthalt hier.
Wir verlassen die Farm mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken. Jeder Tag auf der Farm war von einem Gefühl der Sinnhaftigkeit begleitet. Es war ein einzigartiges Erlebnis, dass uns nachhaltig geprägt hat. Es wäre cool selbst ein ähnliches Projekt zu starten – überlegen wir 🙂

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