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Im Schnee Richtung Osten: Neujahr in kyrillischen Zeichen

Ljubljana

Während unserer kurzweiligen Rückkehr aus Norwegen hatten wir beschlossen, in Zukunft möglichst weniger Stops zu machen, um den Aufwand für wiederholtes Suchen von Unterkünften, Transporten und Sehenswürdigkeiten zu reduzieren. Da wir uns jetzt beide nebenher fortbilden, kommt uns das hierbei sehr zugute. Für dieses Vorhaben eignet sich der nächste Stop optimal, denn in Ljubljana sind wir fast zwei Wochen, um auf die beiden faulsten Katzen, die ich jemals gesehen habe, aufzupassen. Wir teilen unsere Tage in zwei Hälften ein: Vormittags „Büro“ – Lernen, Reise planen, sonstige Erledigungen – und nachmittags die Gegend erkunden. In den ersten Tagen begleitet uns eine graue Suppe am Himmel, zu Silvester hin wird das Wetter weniger regnerisch und grau, dafür aber eiskalt. Wir entschleunigen, schauen uns die Stadt an, gehen ins Café, zum Schloss, ins Museum, ins Kino oder bei schönem Wetter in den Wald oder an der Ljubljanca entlang spazieren. Es ist ein schönes, beschauliches Städtchen – Größe und Vibe erinnern uns ein bisschen an Freiburg. Weniger beschaulich ist allerdings die Weihnachtsdekoration und das Programm über den Jahreswechsel – hier zeigt die slowenische Hauptstadt, wo der Hammer hängt (die Sichel bleibt uns erstmal erspart). Heiligabend verbringen wir gemütlich zu zweit bei selbstgemachter Rinderroulade und auf dem Weihnachtsmarkt. Am ersten Weihnachtsfeiertag treffen wir uns mit der Traveler- und Expat-Community in Ljubljana und feiern mit Menschen aus dem Iran, China, Serbien, der Ukraine, Russland und auch einigen Locals. An Silvester sind wir sogar noch mehr Leute, denn wir feiern mit der ganzen Stadt. „Ljubi“ ist voll mit Menschen, alle Bars und auch der Weihnachtsmarkt haben bis in die Puppen geöffnet. Abendessen gibt’s deshalb heute von den Straßenständen. Auf mehreren Bühnen finden trotz eisigen –6 °C Konzerte statt. Nach einer Aufwärmpause und dem obligatorischen Dinner for One stoßen wir nach slowenischem Countdown – der sogar ans Schloss projiziert wird – mit einem Heißgetränk aufs neue Jahr an – Hallo 2026! Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Zagreb

Eigentlich war unser Plan, Zagreb auszulassen – Städte sehen wir ja momentan zu Genüge – und direkt weiter nach Serbien zu fahren. Das erweist sich als logistisch schwierig und die einzige sinnvolle Möglichkeit wäre eine Mitfahrgelegenheit. Scheinbar ist es bei den Serben oder Slowenen wohl Usus, den offiziellen Preis nochmal inoffiziell nachzuverhandeln (da kommt mir kurz mal Marokko „hoch“) – darauf haben wir keine Lust und legen deshalb doch noch eine Station in Zagreb ein. Das Wetter spielt nicht unbedingt mit, trotzdem verbringen wir einen kurzweiligen Tag in der Stadt, stärken uns mit Cevapcici und zocken im Museum of Video Game History bis nachts Playstation, Nintendo 64, Commodore und GameBoy. Zufrieden mit diesem Zwischenstopp machen wir uns auf zum Bus nach Novi Sad.

Novi Sad

Serbien ist als Reiseziel ein bisschen anspruchsvoller – wir verlassen die EU, müssen an der Grenze anstehen und die Reisepässe abstempeln lassen, unseren Aufenthalt anmelden (was der Gastgeber dankbarerweise für uns übernimmt), die Währung mal wieder umrechnen und unser EU-Roaming mit dem Handy funktioniert auch nicht mehr. Das mit der Währung löse ich elegant, indem ich am Geldautomaten um den Faktor zehn zu viel abhebe – cash sollte also nicht knapp werden die nächsten Tage. Wir haben uns unter anderem für Novi Sad – und nicht die Hauptstadt Belgrad – entschieden, weil es direkt am Nationalpark Fruška Gora liegt und wir unbedingt mal wieder länger raus ins Grüne wollen. Und weil es eine schöne Innenstadt haben soll. Ersteres wird wieder nicht klappen, da hier Winter-Wonderland herrscht und wir nach wie vor unter mangelnder Ausrüstung leiden. Mama hatte mal wieder Recht, wir hätten Winterstiefel mitnehmen müssen. Zweiteres wollen wir auf dem Weg vom Busbahnhof nicht so recht glauben. Das Stadtbild ist trist, voll mit grauen Plattenbauten und auch der einen oder anderen Bauruine. Wir scheinen endgültig im Bereich des ehemaligen Kommunismus angekommen zu sein. Das Wetter hat keine Gnade mit uns, und so machen wir uns trotz Schnee und Wind auf in die Innenstadt. Und siehe da, uns wurde nicht zu viel versprochen. Hübsche und gepflegte Fußgängerzonen, gespickt mit gut erhaltenen Kirchen und kleinen Cafés, zeigen ein ganz anderes Gesicht der Stadt. Die Festung, für welche die Stadt bekannt ist und auf der jährlich ein großes Festival stattfindet, ist schneebedeckt und menschenleer und das Museum ist geschlossen. Deshalb können wir bei schöner Aussicht ganz für uns im Restaurant einen Cappuccino genießen, ohne dass jemand raucht – das ist nämlich in Serbien in Restaurants und Bars immer noch der Standard.
Dass die Uhren in Serbien ein bisschen anders ticken, bekommen wir am nächsten Tag zu spüren. Reiseplanung mit den klassischen Apps ist hier wirkungslos, denn trotz aller Planung stehen wir am nächsten Tag vor dem Hauptbahnhof der zweitgrößten serbischen Stadt und stellen fest, dass dieser nach dem Einsturz vor gut einem Jahr wohl einfach geschlossen wurde und nicht wieder betrieben wird. Auf Umwegen kommen wir doch noch zu unserem Tagesausflug nach Belgrad. Auch dort werden wir wieder von Plattenbauten begrüßt, dafür aber von kostenlosen und modernen Stadtbussen in die Innenstadt kutschiert. Belgrad ist eine Stadt mit bewegter Geschichte, rau und trotzdem schön. Wie unser Tourguide uns erklärt, haben wir auf dem Weg von Novi Sad nach Belgrad die natürliche Grenze zwischen Osteuropa und dem Balkan überquert. Südlich des Flusses Save beginnt somit der Balkan. Wir besuchen unter anderem eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt, das Stadtmuseum ist ohne Angabe von Gründen geschlossen und so weichen wir auf das Nikola-Tesla-Museum aus. Tesla ist eine wichtige Figur für die Serben – so ist zum Beispiel der Flughafen in Belgrad nach ihm benannt – auch, wenn er eigentlich in Kroatien geboren wurde. Der heutige Tag ist der sechste Januar, also in der lokalen Tradition vergleichbar mit unserem vierundzwanzigsten Dezember, und dementsprechend klappt die ganze Stadt gegen Abend die Bordsteine hoch. Wir machen uns rechtzeitig auf den Heimweg, da wir befürchten, sonst nicht mehr zurückzukommen. Am nächsten Tag müssen wir nochmal nach Belgrad pendeln, denn hier wartet unser Bus zur nächsten Balkanmetropole.

Sofia

Die 6,5-h-Busfahrt nach Sofia läuft ohne Probleme. Noch länger als auf dem Weg nach Serbien stehen wir an den Grenzen. Die bulgarische Grenzpolizei hat nur einen einzigen Schalter für den Bus zur Verfügung, an dem dafür gleich vier Beamte sitzen. Besonders unsere Persos begutachten Sie ausführlich und checken die Hologramme und betrachten das Material. Scheint irgendeine Art von Training oder Übung zu sein, effizient ist es jedenfalls nicht. Pünktlich kommt der Bus gegen Ortszeit 22 Uhr an, es hat 10 Grad und ist nicht verschneit, wir fühlen uns wie in der Karibik. Wir checken im Hotel ein und ich schleife Klara noch in die nächstbeste Bar, da ich um gefühlt 21 Uhr noch nicht ins Bett kann.
Um uns standesgemäß zu begrüßen, hat das Wetter beschlossen, über Nacht um 15 Grad abzusacken. Wir freuen uns über noch mehr Schnee und weitere Minusgrade und machen uns nach ein paar steinharten Spiegeleiern vom Hotel aus durch die verschneiten und vereisten Bordsteine auf den Weg zum National History Museum. Das ist gut gemacht und stellt die Geschichte von Bulgarien ausführlich dar, nur beim Zweiten Weltkrieg scheint die Ausstellung auf einmal ganz dünn zu werden. Am zweiten Tag klart das Wetter auf und wir machen einen schönen, touristischen Tag mit Tour, Sightseeing, Essen gehen und als Abendprogramm einem Besuch im Videnie – sehr zu empfehlen. Wie auch Belgrad ist Sofia eine Schönheit auf den zweiten Blick, die sich besonders bei Sonnenschein sehen lässt. Wir beschließen, dass wir nochmal im Sommer nach Bulgarien müssen.

Veliko Tarnovo

Erinnert ihr euch noch an „the other workawayer“? Nun, wir wissen mittlerweile, dass er Kian heißt. In Norwegen hatten wir mit ihm ausgemacht, dass wir uns in Bulgarien wiedersehen – und wir haben alle Wort gehalten. Kian lädt uns zu ihm nach Hause nach Veliko Tarnovo ein. Nach einer vierstündigen Zugfahrt in einem ausrangierten DB-Zug, in dem sogar nicht mal offiziell, sondern nur heimlich auf der Toilette geraucht wird, holt er uns am Bahnhof ab. Wir dürfen in der Wohnung seiner Eltern bleiben, die er als „abandoned“ und „totally empty“ beschreibt – die am Ende aber ganz hübsch und komfortabel ist. VT, wie die Leute hier ihre Stadt nennen, ist nicht besonders groß, aber ein ansehnliches Städtchen. Am nächsten Tag werden wir zu einem echt bulgarischen Mittagessen zu seiner Familie nach Hause eingeladen. Wir erfahren, wie die Bulgaren so ticken, wie sie zu Russland und der Ukraine stehen. Mit einem Augenzwinkern wird uns erklärt, dass die Bulgaren an sich Fremde mögen – aber nur die richtigen. Und dass die Leute vom Balkan sich für etwas Besseres halten, da ihre Länder die Wiege der europäischen Kultur seien. Wir probieren hausgemachten Rakija und lachen gegenseitig über die Klischees unserer Heimatländer. Mit Einigem, was die beiden uns erzählen, sind wir nicht einverstanden, aber auch das können sie nachvollziehen. Natürlich haben wir hier nur mit vier Personen gesprochen und nicht mit ganz Bulgarien. Den Nachmittag verbringen wir bei Kians Freundin. Sie wohnt im Atelier ihres Großvaters. Wir trinken selbst hergestellten Wein aus Plastikflaschen, hören Platten von „Sofia Express“, bekommen eine Stadttour und hängen ein bisschen im lokalen Künstlercafé ab. Nach dieser wunderbar authentischen Erfahrung bleibt uns noch ein Tag, um uns mal wieder ein bisschen zu organisieren, bevor wir uns auf den Weg nach Griechenland machen. Schön war’s.

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