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Wir ziehen wieder los

Am liebsten würden wir den Winter überspringen, denn er ist zumindest in Europa keine so schöne Jahreszeit zum Reisen – zumindest nicht für uns. Man kann Städte besuchen, in Museen gehen und auf Weihnachtsmärkte, aber Wandern ist nur bedingt möglich, denn Winterstiefel und -jacke haben wir nicht im Gepäck. Zuhause planen wir unsere weitere Route. Wir wollen nach Australien, möglichst ohne vom Boden abzuheben. Länder, die nicht fürs Reisen empfohlen werden, würden wir dabei gerne auslassen. Wir merken, es ist ein großes Privileg, dass man innerhalb Europas so sorglos herumreisen kann. Ein grober Zeitplan prophezeit uns ein Jahr Reisezeit bis Australien – Schluck – das klingt spannend und überwältigend zugleich.
Jede noch so lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Den machen wir in Richtung Wien. Mit einem Nachtzug von Stuttgart geht es los. Natürlich ist das Viererschlafabteil voll belegt. Nachtzüge sind erstaunlich beliebt. Der nette Schaffner begrüßt uns mit einer riesigen Schnapspraline und nimmt unsere Getränkewünsche fürs Frühstück auf. Klingt nett – da wissen wir allerdings noch nicht, dass er uns für das Frühstücksgetränk eine Stunde vor Ankunft, also um 5:30 Uhr, wecken wird.

In Wien haben wir einen Housesit ergattert, passen auf zwei einige Monate alte Kätzchen auf und dürfen umsonst im Apartment wohnen. In der Stadt wird man von riesigen, verschnörkelten Gebäuden fast erschlagen. Fast jeder Wiener müsste in einem Altbau wohnen. Bei einer Stadttour erfahren wir, dass man sich sogar in die alten Schlösser einmieten darf. Die Mietpreise sind bezahlbar, aber es gibt lange Wartelisten. Wer etwa zehn Jahre Geduld aufbringt, kann seinen Traum, Schlossherr zu sein, erfüllen. Österreich liegt zwischen Deutschland und Italien, und so lässt sich auch das Wesen der Menschen einordnen: Deutsche mit südländischem Touch. Die Pflicht darf nicht vernachlässigt werden, aber das Vergnügen darf auf keinen Fall fehlen.

Beim Besuch eines historischen Museums wird uns klar, dass ein Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien den Stein des Ersten Weltkriegs ins Rollen brachte. Dem gingen Misstrauen, Verbündelungen und Machtgehabe innerhalb Europas voraus: Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien auf der einen Seite und Frankreich, Großbritannien und Russland auf der anderen. Das große Reich Österreich – Ungarn, das überwiegend durch geschickte Verheiratungen gewachsen ist, musste nach dem Krieg große Territorien abtreten und zerfiel in den Jahren danach.

Bratislava ist eigentlich nur eine Notlösung. Wir wollen zu einem Konzert in Wien, das nach Ende unseres Housesits stattfindet. D.h. Unterkunft in Wien finden oder ins benachbarte Bratislava ausweichen. Wien ist an dem Wochenende unbezahlbar und somit ist die Entscheidung klar. Bratislava hat eine schöne kleine Altstadt, ein Schloss und ein riesiges Monument auf einem Hügel. Das Monument wurde für die russischen Soldaten errichtet, die ihr Leben bei der Befreiung von Bratislava während des zweiten Weltkriegs verloren haben. Ähnliche Monumente findet man auch in Wien und Budapest.

Unsere Unterkunft befindet sich außerhalb des Stadtzentrums in einem Wohngebiet. Viele Plattenbauten, grauer Himmel, Nebel und Kälte begleiten unseren Aufenthalt hier. Bratislava war mal Hauptstadt des Königreichs Ungarn, als die Osmanen im 16. Jahrhundert große Teile Ungarns besetzten. Sie liegt wie Wien an der Donau, hat deutlich weniger Einwohner (ca. 480 Tsd.) und steht an einem Scheideweg, zwischen weiterem Zerfall oder Erblühen. So wirkt es zumindest auf uns.

Das öffentliche Verkehrsnetz ist sehr günstig und gut. Es gibt Busse und Straßenbahnen. Bezahlen kann man direkt mit der Kreditkarte im Fahrzeug. Selbst die alten Straßenbahnen haben ein Terminal. Das ist für Reisende sehr praktisch. Sehr schön finde ich die Weihnachtsdeko in der Stadt. Es gibt sogar Straßenbahnen und Busse mit Weihnachtsbeleuchtung. Das versetzt mich in Weihnachtsstimmung, ob ich will oder nicht und ist ein schöner Kontrast zu der grauen Jahreszeit. Die Stadt hat man eigentlich an einem Tag gesehen und muss auch nicht unbedingt wiederkommen.

Auf Budapest freuen wir uns besonders. Ich war noch nie dort, und Simon erinnert sich sehr gerne an seinen Trip, besonders an das günstige Bier und die coolen Ruin Bars. Das Wetter ist grau und kalt wie schon in Bratislava, trotzdem glänzt die Stadt dem entgegen. Budapest hat seinen eigenen Charme. Es ist voller verschnörkelter Gebäude wie Wien, aber es ist nicht so herausgeputzt. Als Mensch wäre die Stadt jemand, der viel Krasses erlebt und vieles im Leben erreicht hat, sich aber nichts darauf einbildet. Ein sympathischer Zeitgenosse.
Budapest ist groß, ca. 1,7 Mio. Einwohner. Die Stadt ist sehr lebendig, es gibt unzählige Bars, Cafés, Restaurants und Geschäfte. Mehrere Weihnachtsmärkte verteilen sich über die Stadt. Die Weihnachtsdeko ist opulent, aber nicht kitschig.

Die Donau trennt Buda von Pest, denn vor dem Zusammenschluss 1873 waren es zwei Städte. Heute bekommt man zwei zum Preis von einer. Im Jahr 896 kamen die Ungarn, ein uralisches Volk, die Magyaren genannt, in diese Gegend. Die Sprache ist deshalb mit dem Finnischen verwandt und hat keinen Indogermanischen Ursprung. Kein Wunder, dass bei uns selbst Alltagsvokabeln einfach nicht hängen bleiben wollen.

Dem Gründer des ungarischen Reichs, dem ersten ungarischen König Stephan, oder István, ist eine sehr schöne Basilika gewidmet. Diese beherbergt die noch erhaltene Hand des alten Stephan. Dieses Händchen beschert ihm die Heiligsprechung. Da hat jemand einfach alles in seinem Leben abgeräumt und ist noch nicht mal jung gestorben. Ein glückliches Händchen 🙂
Fun Fact: In der Basilika ist, neben dem Heiligen, seit 2006 ein in Ungarn legendärer Fußballer, Ferenc Puscás, beigesetzt worden. Irgendwie verrückt und sympathisch.
In der Geschichte von Budapest gibt es wie bei jeder Stadt auch dunkle Seiten. So erfahren wir, dass Ungarn zu den Verbündeten des Deutschen Reichs während des Zweiten Weltkriegs zählte. Gebeutelt durch die Sanktionen nach dem Ersten Weltkrieg erhoffte sich Ungarn den Aufstieg zur alten Größe, unterstützte das Deutsche Reich militärisch und ließ einen Großteil seiner jüdischen Bevölkerung deportieren. Zum 70. Jahrestag des deutschen Einmarschs ließ die ungarische Regierung 2014 ein Denkmal errichten, dass Ungarn in einer Opferrolle darstellt. Dieses Denkmal wird von den Ungarn sehr kontrovers gesehen, wie wir von einem einheimischen Tourguide erfahren. Heute hat Budapest eine große jüdische Gemeinde, beheimatet die größte Synagoge Europas, und das jüdische Viertel zieht mit seinen Ruinenbars und vielen Restaurants zahlreiche Besucher an – uns eingeschlossen.

Am letzten Abend vor der Abreise essen wir noch die längst fällige ungarische Gulaschsuppe im Bistro nebenan und gehen für ein paar Stunden getrennte Wege: ich zu einem Yogakurs auf Ungarisch/Englisch und Simon zu einer Pokerrunde. Am Tag der Abreise stellen wir fest, dass wir wiederkommen müssen. Auf Wiedersehen, Budapest!

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