Vom verlorenen Gepäck und 40l Apfelmus
Von Odda geht es für uns sehr früh nach Stavanger, der Ölstadt an der südlichen Westküste Norwegens. Die Reise ist wieder mit mehreren Umstiegen verbunden, und alles klappt wunderbar – bis wir in den Flixbus steigen. Kurz vor Stavanger muss der Bus auf eine Fähre – normalerweise eine schöne Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten und einen Kaffee zu trinken. Aber dann passiert das für mich Unvorstellbare: Wir kommen zwei Sekunden zu spät, und der Bus fährt ohne uns davon – samt unserem Gepäck und den Tagesrucksäcken. Zum Glück haben wir Handy und Portemonnaie dabei. Denn was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen: Das wird für die nächsten zwei Wochen das Einzige sein, was wir mit uns herumtragen werden. Der Fährhafen, an dem wir landen, hat nur Anschluss zur Schnellstraße – ansonsten gibt es nichts. Zum Glück können wir noch ein Ticket für den norwegischen Bus kaufen, der gemütlicher unterwegs ist und mit der nächsten Fähre ankommt. Wir versuchen verzweifelt, irgendwie mit Flixbus in Verbindung zu treten. Die einzige Möglichkeit ist ein Onlineformular für verlorenes Gepäck. Am Telefon bekommen wir die Auskunft, dass die Bearbeitung des Formulars mindestens zwei Wochen dauern wird. Ob wir das Gepäck in Oslo (Endstation) abholen können oder wohin es gebracht wird, kann uns niemand sagen. Leider gibt es auch keine Chance, dem Bus zuvorzukommen. Wir checken den Fahrplan und versuchen unser Glück bei anderen Flixbus-Fahrern. Sie können uns auch nicht wirklich helfen. Einer weiß zumindest, wo das Gepäck normalerweise hingebracht wird. Es gibt im ganzen Land keinen Schalter oder ein Büro von Flixbus, wo man mit jemandem sprechen könnte. Am zweiten Tag müssen wir einsehen, dass uns die Hände gebunden sind. Ich habe schon oft überlegt, dass man doch noch leichter reisen könnte – da kommt gleich die Gelegenheit, es auszuprobieren. Wir reisen erstmal weiter nach Plan. Ein paar Notwendigkeiten kaufen wir dann doch noch ein: Zahnbürste, Zahnpasta, Unterwäsche, Socken und einen kleinen Rucksack. Und weiter geht die Reise 🙂



Stavanger ist die Ölstadt Norwegens. In der Stadt ist dem Thema sogar ein Museum gewidmet, das wir nach unserer Shoppingtour besuchen. In den 1960er-Jahren hat man vor der Westküste Norwegens Erdöl gefunden. Die Nordsee wurde damals unter mehreren Ländern – unter anderem Deutschland und Großbritannien – aufgeteilt. Norwegen hat sich ein sehr saftiges Stück gesichert. Ende der 60er wurde im norwegischen Nordseegebiet eines der größten Ölfelder der Welt entdeckt. Die Regierung war bemüht, die Kontrolle über die Bohrungen und die Erträge daraus zu behalten. Das Ergebnis ist ein Staatsfonds, an dem jeder Norweger beteiligt ist – eine Anlage in die Zukunft, falls das Öl einmal ausgehen sollte. Der Fonds hatte Anfang 2025 einen Wert von etwa 1,7 Billionen Euro und ist der größte Anleger der Welt. Wir fragen uns, ob die Norweger deshalb jederzeit so entspannt sind.
Von Stavanger nehmen wir die Fähre nach Bergen, der Hansestadt inmitten der Fjordlandschaften. Zum einen ist es eine entspannte und diesmal günstige Art zu reisen, zum anderen hat Simon ein Faible für Schiffsreisen entwickelt – was mich zum Nachdenken veranlasst. Voller Horror sehe ich uns im Alter cocktailschlürfend auf einem Kreuzfahrtschiff – ein Alptraum. In Bergen lassen wir uns Zeit, denn wir wissen noch nicht, wie es danach weitergeht. Bevor uns Flixbus unser Gepäck geklaut hat, war der Plan, über Oslo nach Stockholm und dann mit der Fähre nach Helsinki zu reisen. Dort wollten wir ein Workaway auf einem Demeter-Hof machen. Jetzt müssen wir in Norwegen ausharren. Bergen ist die zweitgrößte Stadt Norwegens und bevölkerungstechnisch etwa so groß wie Freiburg. Bryggen – früher Tyske Bryggen („Deutsche Brücke“) – ist das bekannteste Viertel der Stadt und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man das Tyske rausgestrichen. In Bryggen hat die deutsche Hanse seit ca. 1340 rund 400 Jahre Handel getrieben. Das gesamte Viertel war von Deutschen friedlich besetzt, die zeitweise bis zu einem Viertel der Bevölkerung ausmachen konnten. Gehandelt wurde im Prinzip Stockfisch gegen Bier.
Bei einer Free-Walking-Tour lernen wir, dass Bergen einen talentierten Komponisten hervorgebracht hat. Seinen Namen haben wir noch nie gehört, und ich muss ihn für den Beitrag auch noch mal googeln – aber die Stücke kennt wahrscheinlich jeder, vor allem aus Disneyfilmen: Edvard Grieg, falls jemand reinhören will. Fast alle Häuser in Bergen sind aus Holz – ein Grund, weshalb die Stadt schon mehrfach durch Feuer in Mitleidenschaft gezogen wurde. 1702 zerstörte ein Feuer fast die ganze Stadt. Sie wurde dann nach altem Vorbild wieder aufgebaut. Etwas außerhalb der Stadt besuchen wir eine kleine Stabkirche. Sie sind typisch für Skandinavien und wurden in der Übergangsphase von heidnischen Religionen zum Christentum gebaut. Diese hier stand früher mal woanders und wurde nach dem Ikea-Prinzip hier wieder aufgebaut.


Da wir immer noch nichts von unserem Gepäck gehört haben, überlegen wir, ein Workaway in Norwegen zu machen – dann würden wir Geld sparen und hätten etwas zu tun. Wir bekommen nicht gleich eins und fahren deshalb erstmal in einen kleinen Vorort von Oslo. Die Unterkunft ist günstig und schön gelegen. Auf dem Weg dorthin bekommen wir die Zusage für ein Workaway: Eine Familie in der Nähe von Oslo hat Mitgefühl und lässt uns in ihrem wunderschönen Haus bleiben, obwohl sie am nächsten Tag nach Italien fliegen.
Für eine Woche wird ihre Küche zu einer Apfelmus – und Birnenchips-Fabrik. Das Ergebnis kann sich sehen lassen – mindestens ein Jahresvorrat für die Familie. Die Äpfel und Birnen pflücken wir vorher noch in Nachbars Garten. Simon darf mit einem anderen Workawayer aus Bulgarien die Fliesen im Flur entfernen. Die Hosts kennen seinen Namen nicht, und wir verstehen ihn auch nicht auf Anhieb – und so bleibt er bis etwa zwei Tage vor Abreise „the other workawayer“. Wir genießen das Leben im norwegischen Landhaus: ausgiebig frühstücken, leckere Abendessen kochen, spazieren gehen und Geschichten mit dem „other workawayer“ austauschen. Gleich am Montag, also am dritten Tag nach Ankunft, bekommen wir die lang ersehnte Nachricht: Unser Gepäck ist in einem Lagerhaus in der Nähe von Kristiansand in Südnorwegen. Es sind ca. vier Stunden Autofahrt, aber wir haben noch mehr Glück – das Gepäck kann mit dem nächsten Bus an einen Bahnhof in unserer Nähe gebracht werden. Man muss dazu sagen, dass dieser Rücktransport von einer norwegischen Firma geregelt wurde, wo man sich wirklich nett und zuvorkommend um alles kümmerte. Der Mitarbeiter rief sogar nochmal an, um uns zu informieren, dass der Bus etwas früher kommt.





Am Donnerstag können wir die Rucksäcke wieder auf unsere Schultern schnallen – genau zwei Wochen nach dem Verlust. Das erste Mal, dass wir nicht über das Gewicht meckern.






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