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Am südlichen Rand des Nordens

Von Lagos nach Lund

Nachdem wir der Sonne in Portugal den Rücken gekehrt haben, reisen wir in zwei Tagen per Zug, Bus und Mitfahrgelegenheit über Lagos, Sevilla, Madrid und San Sebastian nach Bordeaux. Dort treffen wir uns mit der Familie und verbringen eine schöne Woche auf der Île d’Oléron sowie einige Tage in Bordeaux. Um auch die andere Seite der Familie nicht zu vernachlässigen, bringt uns der TGV von Bordeaux über Paris und Köln nach Gütersloh, wo wir mit Klaras Schwester Irina und ihrer Familie Fronleichnam feiern ;-). Dann folgt unser erster Housesit. Wir passen für ein langes Wochenende in Hamburg auf eine Wohnung und zwei Katzen auf. Die Zeit nutzen wir für einen Abstecher zum Hurricane Festival und erkunden Hamburg bei schönstem Wetter. In nur rund sechs Stunden sind wir mit dem ICE von Hamburg nach Lund (Schweden) gefahren.

Dieses fantastische, knapp dreiwöchige Intermezzo hat uns neben einem schönen Wiedersehen mit den Familien 36 Stunden reine Fahrtzeit mit Bus, Bahn und Mitfahrgelegenheit auf einer (theoretisch mit dem Auto zurückgelegten) Strecke von 7420 km beschert. Dafür haben wir unser Interrail-Ticket „angebrochen“, mit dem wir sieben Tage innerhalb eines Monats durch ganz Europa fahren können. Slow Travel, terranes Reisen oder wie auch immer man es nennen möchte, kostet Zeit und ist teilweise mühsam. Wenn sich die Leute fragen, was wir den ganzen Tag machen, ist das ein essenzieller Teil unserer Reisezeit. In meiner Kalkulation sind keine Umstiegs- und Wartezeiten sowie keine Verspätungen einberechnet, die jedoch in nicht unerheblichem Umfang vorkommen. Meistens ist das Internet an Bord nicht verfügbar, unabhängig von Land, Betreibergesellschaft und Verkehrsmittel, weshalb arbeiten — wie die nächsten Reiseschritte zu planen, am Blog weiterzuschreiben oder die Steuererklärung zu machen — oft nicht möglich ist. Dass das Ganze auch etliche positive Aspekte hat, dürfte klar sein; die schreibe ich vielleicht ein anderes Mal auf. Trotzdem ist uns nach Marokko und diesem Trip klar, dass wir das Tempo gerne ein bisschen zurückfahren und die Stopps verlängern wollen. Weniger ist auch hier mehr.

Lund

Wieso eigentlich Lund? Weil Lund auf dem Weg nach Norwegen liegt und ein idealer Ausgangspunkt für Abstecher in coole Städte ist. Außerdem können wir hier direkt im Anschluss an den Housesit in Hamburg wieder auf ein Haus aufpassen. Sobald wir in Schweden angekommen sind, müssen wir zunächst die skandinavischen Preise verdauen. Nach den Restaurantpreisen in Marokko und Portugal vergeht einem hier beim Blick auf die Speisekarte der Appetit. Auch das im Supermarkt erhältliche Bier mit maximal 3,5 % Alkohol – höhere Alkoholgehalte gibt es nur beim Systembolaget (siehe Wikipedia) – muss ich eisgekühlt runterzwingen.

Die Temperaturen in Lund sind zu Beginn etwa 10 °C niedriger als zuvor in Hamburg, und das Wetter ist insgesamt etwas trüb. Ich verbanne die Frage, warum wir eigentlich noch einmal nach Skandinavien gereist sind, aus meinem Kopf, und wir machen uns auf den Weg, Lund zu erkunden. Mit knapp 100 000 Einwohnern, von denen fast die Hälfte Studenten sind, und einer historischen Kathedrale als Hauptattraktion hätte ich von Lund ein paar Freiburg-Vibes erwartet. Allerdings sind die Studenten in den Semesterferien, deshalb geht’s hier während unseres Besuchs sehr beschaulich zu.

Von Lund aus ist man in einer halben Stunde in Malmö, der drittgrößten Stadt in Schweden. Malmö ist uns auf Anhieb sympathisch, macht einen modernen Eindruck, hat ein rausgeputztes Hafenviertel, eine schöne, überschaubare Altstadt, ein paar Parks und Museen zu bieten. Bestimmt lebt es sich hier gut, und trotzdem steht die Stadt ein bisschen im Schatten ihres ungleich größeren Nachbars, den man mit nur einer Fahrt über die Brücke erreicht

Kopenhagen wirkt auf mich stellenweise surreal, ein bisschen als hätte man ein paar Architekten und Stadtdesignern gesagt “aufs Geld kommts jetzt nicht so an, mach mal, dass das hier geil aussieht”. Die Uferpromenade ist gespickt mit modernen, stylischen Gebäuden, ohne dabei prollig zu wirken. Gleichzeitig ist die Stadt aber voller Geschichte, es gibt historische Gebäude und mit der “Freistadt Christiana (Wikipedia)” ein ungewöhnliches Viertel – auch wenn dieses heute eher einem netten Touri-Viertel gleicht. Natürlich konnten wir die beiden Städte jeweils nur einen Tag lang sehen und das hier ist nur ein oberflächlicher Eindruck – fahrt doch selbst mal hin und sagt mir eure Meinung 🙂
Ansonsten nutzen wir die Zeit in Lund für die weitere Planung und um uns mal ein bisschen zu sammeln, bevor wir mit dem “schwedischen ICE” weiter nach Göteborg und von dort mit dem Bus weiter nach Olso fahren (wegen Wartungsarbeiten können wir leider nicht mit dem Zug durchfahren).

Oslo

In Oslo verbringen wir eine Nacht in einem Airbnb am Stadtrand bei einem indischen Paar und treten dann unseren dritten Housesit in Folge an. Diesmal müssen wir uns um eine Stadtwohnung im Zentrum von Oslo und zwei Kater kümmern – einem von ihnen müssen wir sogar zweimal täglich Insulin spritzen.

Es hat ein paar Tage gedauert, bis wir mit Oslo warm wurden. Die Vorschusslorbeeren waren riesig, und wenn man aus Lund kommt, wirkt wahrscheinlich jede normale Stadt plötzlich rau und dreckig (was Oslo wirklich nicht ist). Das Stadtbild ist ein wenig zerklüftet, doch die Hauptstadt besticht durch ihre unglaubliche Vielfalt: den Fjord mit Stränden und Inseln vor der Tür, moderne und historische Gebäude wie die Festung, Street-Food-Märkte, Hipster-Viertel und ein riesiges Waldgebiet – all das ist mit den hervorragenden Öffis in einer halben Stunde erreichbar. Oslo begrüßt uns meist mit gutem Wetter, und an manchen Tagen können wir die Sonne bei über 25 °C genießen – zu Hause ist es zu dieser Zeit rund 10 °C wärmer. Wir besichtigen den botanischen Garten, der ganz anders aussieht als viele, die wir bisher gesehen haben, lernen im Fram-Museum zwei Namen kennen, die uns in Norwegen immer wieder begegnen werden (Fridtjof Nansen und Roald Amundsen), machen eine Inselrundfahrt mit den ÖPNV-Fähren und baden zum ersten Mal in einem norwegischen Fjord. Außerdem erkunden wir die Stadt bei einer Free Walking Tour und wandern in einem der riesigen Waldgebiete um den Holmenkollen.


In der restlichen Zeit kümmern wir uns hauptsächlich um die nächsten Stationen der Reise und vor allem um die Weiterfahrt. Hier gibt es mehrere Variablen zu beachten: Wir haben einen begrenzten Zeitraum und ein begrenztes Kontingent an Fahrten mit unserem Interrail-Ticket, für die wiederum nur ein begrenztes Kontingent an Sitzplätzen zur Verfügung steht. Wir wollen in der Hauptsaison möglichst keine touristischen Regionen besuchen und sind hin und hergerissen, ob wir lieber im Süden den Sommer richtig auskosten oder während der wärmsten Zeit im Norden unterwegs sind, damit es dort auch halbwegs sommerlich ist. Egal, was wir machen, es wird ein Kompromiss sein – und so entscheiden wir uns nach langem Hin und Her dafür, zuerst in den Norden zu fahren. Hierzu müssen wir aber zuerst noch nach …

Stockholm

Obwohl Stockholm schon länger auf der Liste steht, hätte ich mir nach diesen vielen Städten jetzt auch mal ein etwas abgelegeneres Ziel vorstellen können. Da wir hier ja nur auf der Durchreise sind, gönnen wir uns auch nur drei Tage, um die Stadt zu erkunden. Wir machen gleich zwei Self-guided walking tours, bei denen wir das historische Viertel – das jedoch direkt an einer furchtbaren Tourimeile liegt – und das Hipsterviertel namens Södermalm erkunden. Stockholm ist voll historischer Gebäude und wirkt, wie schon Lund, absolut gepflegt: so gut wie kein Müll, und jede Hecke ist akkurat geschnitten. Weil es so schön war, mobilisieren wir am späten Abend noch einmal unsere alten Knochen und spazieren durch die Stadt. Hier in Stockholm wird’s nachts während dieser Jahreszeit auch einigermaßen dunkel, während es in Oslo die sogenannten „White Nights“ gibt, bei denen die Sonne zwar untergeht, es aber nicht richtig dunkel wird. Stockholm bietet einige ausgezeichnete Museen, und wir entscheiden uns für das Historische Museum (Historiska), in dem wir unter anderem die größte Goldmünze der Welt bewundern können, für die man seinerzeit eine Kuh kaufen konnte. Wir verbraten den ganzen Tag im Museum, und da das Wetter nicht viel hergibt, nutzen wir den Abend im Airbnb für etwas weitere Planung. Außerdem machen wir noch eine geführte Tour durch das Stockholmer Rathaus. Neben der spektakulären “golden hall” gibt es unter anderem den “blauen Saal” zu sehen, der garnicht blau ist, in dem aber dafür jährlich das Nobelpreisbankett stattfindet. Zeitweise ist das Wetter wieder bombig, und um alles aus unserem 72-h-ÖPNV-Ticket herauszuholen, machen wir auch hier wieder eine Hafenrundfahrt mit den öffentlichen Fähren. Stockholm ist die größte der bisher besichtigten Städte, was sich auch am Stadtbild und an der Anzahl der Sehenswürdigkeiten widerspiegelt. Die drei Tage waren nicht ganz ausreichend – hier hätte man auch gut und gerne eine Woche verbringen können.

Gegen 20 Uhr machen wir uns auf zum Bahnhof, um die Weiterreise Richtung Norden anzutreten.

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