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Von der Marschrutka aufs Pferd

Almaty

Nur wenige Stunden Fahrt mit der Marschrutka über furchtbare Straßen und ewige Baustellen führen uns zu einem der beliebtesten Orte in Kirgistan, Karakol. Der Ort selbst ist nicht der Grund für seine Beliebtheit, aber er ist die Basis für etliche Wanderungen, heiße Quellen und Wintersport und zieht deshalb in- und ausländische Aktivurlauber an. Mittlerweile haben wir schmerzlich gelernt, dass Online-Recherche in Zentralasien eine ziemliche Zeitverschwendung ist. Selbst die Leute vor Ort wissen kaum, wie man von A nach B kommt oder wann und ob etwas geöffnet ist, Websites sind selten vorhanden oder nützlich. Umso wertvoller ist eine Basis wie Karakol für uns. Wir verschwenden diesmal keine Zeit und machen uns direkt auf den Weg zu verschiedenen Tourenanbietern, die einen auch immer unverbindlich zur Umgebung beraten. Wieder einmal beeindruckt mich, wie erwachsen manche Teenager hier bereits sind. In fließendem Englisch berät uns ein maximal vierzehnjähriges Mädchen, das in irrem Tempo Zahlen in den Taschenrechner hackt, Kringel auf Landkarten zeichnet und während wir beide uns beraten, parallel weitere Kunden abfertigt. Sie scheint den ganzen Laden zu schmeißen – das wäre meinem vierzehnjährigen, zeitungsaustragenden Ich nicht zuzutrauen gewesen. Wieder nervt uns die Wettervorhersage: es sieht durchwachsen aus, nur die nächsten beiden Tage sollen okay sein. Schon wieder wegen des Wetters nicht los zu können kommt nicht in Frage, also entschließen wir uns kurzfristig direkt morgen loszugehen.

Und tatsächlich, am nächsten Morgen regnet es nicht. Das Wetter hat trotzdem seine Spuren hinterlassen, die ersten Kilometer der Wanderung müssen wir Schlamm und Pfützen ausweichen. Das eine oder andere 4×4 Taxi überholt uns unterwegs, denn für ein paar Euro kann man sich ein Stück entlang des Wegs kutschieren lassen und somit die Wanderung abkürzen. Wir wollen die volle Challenge, abkürzen ist heute keine Option. Die Landschaft erinnert zuerst an Zuhause, man könnte auch im Schwarzwald unterwegs sein. Das ändert sich, als es die letzten km steil bergauf geht, bevor wir im Camp ankommen und ein wunderschönes Panorama ins Tal bestaunen dürfen. Platt vom ersten Tag, relaxen wir am Ufer eines kleinen Sees, bevor wir mit vielen anderen Wanderern aus der ganzen Welt am Tisch sitzen und unser Abendessen genießen. Der nächste Tag hat´s in sich, deshalb klingelt der Wecker schon um halb sechs.

Wir lassen uns ein Frühstück einpacken und los geht’s. Knapp zwei Stunden lang kämpfen wir uns bergauf zum Ala Kul, dem Bergsee, wo wir auf knapp 3500m Höhe unser Frühstück mit traumhafter Aussicht auf den See genießen. Es war zwar nur eine lapprige Lunchbox – aber trotzdem eines meiner besten Frühstücks-Erlebnisse bisher 🙂 Der Weg führt ein Stück weiter entlang des Sees, die Sonne kommt richtig zur Geltung und nach jeder Kurve und Steigung gibt’s einen neuen Blickwinkel auf den See, jeder schöner als der Letzte. Weiter geht´s nach oben, die letzten Meter sind ekelhaft steil und durch den unbefestigten Weg rutschig, bis man auf knapp 3900m Höhe auf dem Pass ankommt – die Höhenluft tut ihr übriges. Nicht nur wir sind am Limit, als wir oben ankommen. Für die meisten Wanderer hier geht´s nur schrittweise voran. Ich bekomme den Eindruck, dass der Internet-Fame der Route viele dazu verlockt, eine Wanderung über ihrem Fitness-Level durchzuführen. Später bestätigt mir ein Guide diese These. Leider war´s das noch nicht, denn auf der anderen Seite geht es steil einen nicht vorhandenen Weg am Hang herunter. Wir treffen auf dem Gipfel zwei Bayern aus unserer Unterkunft. Sie sind von der anderen Seite hergekommen und mit ihren Wanderstöcken und viel alpiner Erfahrung sliden sie elegant die Steile Piste bergab. Während wir Schritt für Schritt durchs Geröll stapfen und immer mal wieder dem Steinschlag von den Leuten hinter uns ausweichen müssen. Der Rest des nächsten Abschnitts ist eher langweilig, wir spazieren lange durchs Tal mit einer Flussüberquerung, bis die Landschaft wieder wunderschön und schwarzwaldig wird. Wir erreichen das Ziel unserer Tagestappe in Altyn-Arashan, wo wir wieder in einer Jurte übernachten. Das klingt vielleicht romantischer als es ist – diese Jurten haben nie einen Hirten gesehen und sind ausschließlich für die Unterbringung von Touristen da, zu einem für Kirgistan nicht ganz niedrigen Preis. Trotzdem ist es eine schöne Erfahrung und ermöglicht uns am nächsten Morgen gut ausgeschlafen, die letzte, sehr entspannte Etappe zurück zur Zivilisation zu absolvieren.

Wir müssen wenige Tage schlechtes Wetter aussitzen, bevor wir wieder raus in die Natur können. Dieses Mal wollen wir nach Jeti Oguz, wozu wir nach “Jeti Oguz Kurort” mit dem Sammeltaxi fahren. Der “Kurort” ist eine hässliche Ansammlung von Shops und Cafés um eine Baustelle herum – wir halten uns dort nicht lange auf und wandern ein Stück das Tal hinein. Das wäre an sich auch ganz schön, wenn man nicht alle zwei Minuten von (überwiegend einheimischen) Touristen in Autos von der sandigen Straße gedrängt würde. Zurück im Ort gibt´s spektakuläre Felsformationen “Seven Bulls” und “Broken Heart” zu sehen, die uns ein bisschen an die Affenfingerfelsen in Marokko erinnern. Zurück gibt’s kein Sammeltaxi, aber ein paar nette Einheimische nehmen uns mit nach Jeti-Oguz Ort, von wo aus wieder der Kleinbus zurückfährt. So funktioniert der ÖPNV in Krigistan.

Auf einem Pferd durch die Landschaft zu reiten, ist ja in Kirgistan ein “Muss”. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert, also organisieren wir einen Ausritt im Boz-Uchuk-Tal in der Nähe. Natürlich darf auch dieses Mal die ÖPNV-Tortur nicht ausbleiben. Wir bekommen vier Informationen von drei Leuten über die nächste Marschrutka. Diese fährt dann nicht in den Ort, der auf ihrem Schild steht, und der Fahrer vergisst uns abzusetzen. Nach ein bisschen Telefonieren, fremde Menschen Ausfragen und einer kurzen Strecke Trampen treffen wir dann doch noch unseren jungen Guide mit zwei Pferden für uns. Der Junge ist ungefähr achtzehn Jahre alt, sitzt aber schon seit er ein kleines Kind ist auf dem Pferd. Nach einer “Einweisung” schwingen wir uns aufs Pferd und ab geht’s. Fünf Stunden lang reiten wir durch Wald, über Wiesen und Hügel. Unterwegs überholen uns ein paar Hirten, die mit ihren Pferden und einem Fohlen auf den Weg zu ihrer Jurte sind. Unser Ziel heute ist wieder ein Bergsee, an dem uns unser Guide absetzt. Es ist später Nachmittag, er reitet jetzt nochmal fünf Stunden zurück. Klar, er hat ja auch noch die halbe Flasche seiner Limo übrig – sonst hatte er nix dabei. Wir hingegen klettern den Berg hoch zum See, der ist schön und klar und die Sonne scheint. Wir können der Szenerie nicht widerstehen und springen in den See. Viel schwimmen werden wir allerdings nicht, denn der See ist höllisch kalt. Wir lassen uns von der Sonne trocknen und spazieren die zwei Kilometer zu unserem Jurtencamp. Hier wartet schon ein köstliches Abendessen auf uns. Sobald die Sonne hinter dem Berg versunken ist, wird es kalt, und ein wunderbarer Blick auf den Sternenhimmel eröffnet sich. Magisch. Den Rückweg treten wir am nächsten Tag zu Fuß an. Es ist ein sehr schöner Weg und wir frühstücken unterwegs am Fluss, umringt von neugierigen, ja fast schon aufdringlichen, Kühen.


Das Ende unserer Zeit in Kirgisistan lassen wir bei einer Live-Aufführung ausklingen. Es wechseln sich ein Solokünstler mit Ziehharmonika und ein Manastschi ab, und im Anschluss führen noch ein paar Mädels einen Tanz vor. Natürlich werden wir dazu genötigt, mitzumachen. Im Bus zur kasachischen Grenze bekomme ich fast einen Herzinfarkt – ich stelle fest, dass Deutsche nur noch dreißig Tage visumsfrei bleiben dürfen und nicht mehr sechzig. Irgendwie war ich da auf dem Wissensstand vom letzten Jahr. Wir rechnen nach – heute ist der dreißigste Tag.

Almaty war eine eher pragmatische Wahl. Sie soll die “westlichste” Großstadt in Zentralasien und die schönste in Kasachstan sein. Hier hoffen wir darauf, einige Erledigungen machen zu können, und außerdem auf einen harmlosen Grenzübergang nach China. Und tatsächlich, die Stadt kann sich absolut sehen lassen. Sie wirkt sehr modern und ethnisch durchmischt, vom Gefühl her sehen die Menschen hier zur Hälfte europäisch bzw. zentralasiatisch aus. Bei einer Tour erklärt uns der Guide, dass die Stadt historisch schon immer bunt gemischt war und auch viele Deutsche hier gelebt haben. Noch mal können wir das eine oder andere Sowjet-Denkmal bewundern und Nachts im Museum (tatsächlich!) exotische, lokale Musikinstrumente bewundern.

Als ich von einer zwischenzeitlichen Bettlägerigkeit genesen bin, machen wir uns auf den Weg zum Four-Peaks-Treck im Trans-Ili-Alatau Gebirge ganz in der Nähe. Wir flüchten vor der Hitze der Stadt – vertikal. Wir plagen uns über gut ausgebaute Wege und etwas, was eigentlich wie ein gigantischer Steinhaufen aussieht nach oben. 1500 Höhenmeter später haben wir angenehme Temperaturen und eine unglaubliche Aussicht.


Auf dem grünen Bazar, der an sich ziemlich unspekatkulär ist, holen wir noch ein zentralasiatisches Must-do nach: Wir trinken Kymyz und Schubat – gegorene Milch von Pferden bzw. Kamelen. Eingedeckt haben wir uns damit allerdings nicht – so viel sei verraten. Und dann ist es so weit: Als einzige nicht asiatisch aussehende Leute sitzen wir im Bus nach Yining. Weite Felder, Wiesen und sogar Kamelherden ziehen an uns vorbei, und ich denke mir: Für das nächste Mal Zentralasien muss ich an meinen Russischkenntnissen arbeiten. Denn das kommt bestimmt.

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