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Dem Himmel so nah

Osch
In Osch kommen wir am späten Nachmittag an, nachdem wir von Andijan im Ferganatal mit dem Bus bei gefühlt 40 Grad über eine Stunde an die Grenze gefahren sind. Die Grenzüberquerung verläuft unproblematisch und relativ schnell. Dann können wir wieder an den schreienden Taxifahrern vorbei yandexen. Osch ist mit etwa 370 Tsd. Einwohnern die zweitgrößte Stadt Kirgistans. Das Land hat etwa 7 Mio. Einwohner. Es ist unerwartet heiß, denn eigentlich liegt das ganze Land (etwa 90 %) auf mindestens 1.500 m Höhe, also feldberghoch. In unserem Gasthaus werden wir gleich im perfekten Russisch begrüßt. Russisch ist hier noch viel gängiger und präsenter als in Usbekistan. Gleich südlich von Osch im Alay-Gebirge kann man spektakuläre Wanderungen in den Bergen machen, unter anderem zum Fuße von Peak Lenin, einem 7-Tausender. In Osch endet auch der bekannte Pamir-Highway. Wir wollen eine 5-Tage-Wanderung machen, Heights of Alay, aber es liegt noch fast 2 m Schnee auf den Pässen, es ist Mitte Juni. In einem tiefer liegenden Wandergebiet regnet es die nächsten Tage. Leider wird es erstmal nichts mit dem Wandern und wir verbringen 4 Tage in der Stadt, gewöhnen uns etwas ein, besuchen den heiligen Berg und das Museum im Berg, planen und gehen essen. Einmal gehen wir italienisch essen und es gibt echte Burrata. Beim Bestellen haben wir es schon angezweifelt, weil es des Öfteren griechischen Salat mit etwas gab, das nur aussieht wie Feta. Das Essen ist nochmal günstiger als in Usbekistan und es macht richtig Spaß, essen zu gehen. Der Service ist sehr aufmerksam und freundlich und das Essen ist immer gut. Und wenn man es sich ganz einfach machen will, dann gibt es eine breite Auswahl an verschiedenen Salaten in fast jedem Supermarkt. Das Vespermenü ist schnell zusammengestellt.

Arslanbob
Das Herumreisen in Kirgistan ist umständlicher als wir es gewohnt sind. Bei den meisten Verbindungen ist man auf Marschrutkas oder Taxis angewiesen. Es gibt kaum Zugverbindungen und keine Fernbusse. Die meisten Straßen sind eher was für Allradantrieb. Auch wenn das Land klein ist, ist man relativ lange unterwegs, um von A nach B zu kommen. Nach vielen Stunden Taxifahrt, einigen Minuten Herumverhandeln und einem Mittagsstopp kommen wir am späten Nachmittag in Arslanbob an. Arslanbob ist sehr grün und von Bergen umgeben, wie eine Oase verglichen mit der Landschaft, die wir auf dem Weg dorthin sehen. Nach Arslanbob kommt man vor allem, um den weltgrößten Walnusswald zu bestaunen. Wir übernachten im Gasthaus von Ibrahim, einem pensionierten Deutschlehrer. Am ersten Abend spazieren wir zum “kleinen” Wasserfall, was sehr verstörend ist. Auf dem Weg zum Wasserfall müssen wir durch eine Marktstraße mit Snacks und Souvenirs, vorbei an präparierten Fotospots, lauter Partymusik und einer Zipline-Anlage. Es fehlten noch Schießstände und ein Riesenrad. Nicht das, was wir im beschaulichen Arslanbob erwartet haben. Am nächsten Tag gehen wir endlich wandern. Auch wenn es regnet. Das Wetter in den Bergen ist sehr wechselhaft. Meistens sind die Vormittage klar und sonnig und die Nachmittage eher bewölkt oder verregnet. Beim Wandern treffen wir immer wieder Gruppen von grasenden Kühen oder auch mal von Pferden. In Kirgistan machen wir ungefähr genauso zahlreiche Bilder von Kühen wie von Katzen in der Türkei. Sie laufen einem ständig über den Weg. Die Menschen hier leben, anders als im Rest des Landes, traditionell muslimisch. Der Islam ist die vorherrschende Religion im Land, ist aber, auch aufgrund der Sowjet-Vergangenheit, im täglichen Leben wenig präsent.

Toktogul
Von Arslanbob kann man in nur 9 Stunden nach Bischkek fahren oder man teilt die Strecke mit einem Zwischenstopp in Toktogul. Der Ort ist an einem großen See gelegen und wir hoffen auf Badewetter. Unterwegs buche ich noch ein Gasthaus über WhatsApp. Über Booking ist es meistens teurer, deshalb lohnt es sich die Gastgeber direkt anzuschreiben. Es ist ein schönes Zimmer mit Frühstück auf der Terrasse und Blick auf den See. In Toktogul treffen wir zufällig ein holländisches Paar, das wir in Arslanbob kennengelernt haben; ansonsten sehen wir in den zwei Tagen keine ausländischen Touristen. Das gilt auch fast für das ganze Land, wenige Gegenden ausgenommen. Einmal werden wir von einem neugierigen Kirgisen auf Englisch angesprochen. Er erklärt uns, wie schwer das Leben mit Frau und Kind ist und betont stolz, dass er trotzdem nicht trinkt. Am nächsten Tag ist tatsächlich bestes Wetter und wir packen die Badesachen ein und laufen zum See. Den See haben wir fast für uns allein. Das letzte Stück vom Rückweg wollen wir ein Taxi anhalten. Der Mann macht aber eine Privatfahrt von seinem Maisfeld nach Hause und nimmt uns umsonst mit.

Bischkek
Transfertage schlauchen und wir kommen schon ziemlich müde am Bahnhof in Bischkek an. Die Bus-/Marschrutka-Bahnhöfe sind wie in der Türkei meistens außerhalb der Stadt, weshalb wir noch einen Bus ins Zentrum nehmen müssen. Die längste Busfahrt aller Zeiten! Es sind über 30 Grad und der Verkehr staut sich. Am nächsten Tag sieht die Welt schon anders aus. Wir sind zu Fuß unterwegs und der schleichende Verkehr ist uns egal. Wir machen wieder eine Walking Tour, um mehr über das Land und die Leute zu erfahren. Mit dabei sind 4 Türkinnen und ein Deutscher, die zusammen reisen. Sie löchern den Guide mit Fragen zur Kultur, Religion und Geschichte, was die Tour sehr unterhaltsam macht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Kirgisen ein Nomadenvolk sind, das historisch von anderen Kulturen sehr beeinflusst worden ist und jetzt auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Nur noch wenige Menschen in Kirgistan leben halbnomadisch, was bedeutet, dass sie die Sommermonate mit den Herden auf den Weiden verbringen und im Dorf überwintern. Vollnomaden gibt es kaum. Während der Tour lernen wir auch, dass islamische Organisationen versuchen, im Land Einfluss zu nehmen, z. B. durch Investitionen in Moscheen und Koranschulen. Es gibt auch Einfluss von Ländern mit wirtschaftlichen Interessen, allen voran China, aber auch Russland, der Türkei und den USA. In der Stadt gibt es viel zu entdecken. Es gibt einen großen Park mit Monumenten aus der Sowjetzeit, ein schönes historisches Museum und Streetart.

Außerdem ist der Nationalpark Ala Archa nur 1 Std. Fahrt mit dem Linienbus entfernt. Dort machen wir eine spektakuläre Wanderung auf 3.500 m. Mit einem Anstieg von 1.500 hm verteilt auf 6 km ist es die anstrengendste Wanderung, die ich bisher gemacht habe. Der Blick auf die umliegenden Berge und den Gletscher ist phänomenal. Dort übernachten wir in einer Bergsteigerhütte. Selbst das aufs Klo gehen wird zum Erlebnis, als eine Herde Steinböcke im Nebel an mir vorbeizieht.

Tong
Auf den Reisetag von Bischkek in Richtung Issyk-Kul, einem riesigen Salzwassersee, freue ich mich ganz besonders, denn wir fahren mal wieder mit dem Zug – eine der seltenen Gelegenheiten in Kirgistan. Meistens versuchen wir, die Transportkosten so niedrig wie möglich zu halten, und verzichten auf Komfort, aber dieses Mal ist es nicht nötig, und wir buchen im Panoramawaggon für 8 € pro Person. Das ist die Fahrt mehr als wert. Unterwegs gibt es tolle Landschaften, und man sitzt sehr gemütlich. Am See angekommen, fahren wir mit einem Sammeltaxi voller Einheimischer in den nächsten Ort. Eine 18-jährige Kirgisin fragt uns neugierig aus, und ich nutze die Gelegenheit, um etwas mehr über das Leben hier zu erfahren. Das Studieren kostet hier nicht wenig, aber es ist nicht nur etwas für Reiche. Wenn man durch Ferienjobs etwas dazuverdient und die Eltern etwas helfen, klappt es auch. Die Kinder müssen hier, wie schon in Usbekistan, relativ früh Verantwortung übernehmen und wirken auf mich viel erwachsener, als ich es in dem Alter war. Für die Fahrt nach Tong verabreden wir uns mit einem Taxifahrer für den nächsten Morgen, nachdem uns eine Gruppe anderer Fahrer regelrecht ausnehmen wollte. Am nächsten Morgen ist der Fahrer wie ausgewechselt. Gestern noch der nette Dr. Jekyll, ist er über Nacht zu Mr. Hyde mutiert. Schlecht gelaunt und aggressiv fährt er die unbefestigte Straße am See hinunter und raucht dabei. Irgendwie ärgert er sich darüber, einen schlechten Deal gemacht zu haben. Er bringt uns dennoch an den Zielort, und ich bin heilfroh, aus dem Taxi auszusteigen. Tong ist ein kleines Küstendorf, in dem wir in einem hübschen Gasthaus mit Garten und Speise-Jurte unterkommen. Marschrutkas fahren hier selten, und Taxis sind verhältnismäßig teuer, also beschließen wir, für unseren Ausflug in den Skazka Canyon (Skazka = Märchen) zu trampen. Erst nimmt uns ein LKW-Fahrer ein kleines Stück mit. Er arbeitet an der Erneuerung der Straße um den See. Leider muss er nach ein paar Minuten von der Hauptstraße abfahren, aber wir sind schon einmal ein Stück weiter. Auf die nächste Mitfahrgelegenheit müssen wir nicht lange warten. Die zwei Männer können uns sogar ganz bis zum Canyon mitnehmen, geben uns Tipps für die Gegend und halten an, damit wir uns Wasser und Snacks holen können. Geld als Dankeschön lehnen sie freundlich ab. Dass man auf so nette Leute trifft, ist eher die Regel in Kirgistan. Und als ob das nicht schon genug wäre, bekommen wir am Eingang des Canyons auch noch eine Adlerjagd-Demo umsonst. Im Canyon fühlt man sich wie auf einem anderen Planeten. Aus rotem Sandstein, Lehm und Ton haben Wind, Regen und Sonne eine skurrile Landschaft geformt – eine tolle Kulisse zum Wandern und Fotografieren. Beim Abendessen ist was los in der Jurte: Eine Reisegruppe 20- bis 30-jähriger Frauen aus dem Westen übernachtet heute hier. Ihre Reiseleiterin ist eine 18-jährige Kirgisin, die von der Gruppe ebenfalls wegen ihrer Reife bewundert wird. Spätestens beim Tee hat Simon genug vom Girltalk, und wir verziehen uns auf die ruhige Terrasse. Bei unserem abendlichen Spaziergang am See gibt es noch einen der schönsten Sonnenuntergänge, die ich je gesehen habe. Ein richtig schöner Tag.

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