Von Wein, Käse und dem Ende unserer Pläne
Auf einer Überlandreise gilt ja grundsätzlich: Der Weg ist das Ziel. Und so wollen wir nicht nur über die verrückten Straßen von Kazbegi mit unserem heutigen Fahrer Merab zurück nach unten brettern, sondern den Weg mit ein paar netten Stopps bereichern, die wir auf dem Hinweg ausgelassen haben. Wir halten an Mineralquellen (Nadibani Spring), aus denen endlos sprudelndes, stark mineralhaltiges Wasser aus dem Boden blubbert. Die Georgier lieben dieses Zeug, unser Fahrer füllt sich bei der Gelegenheit gleich einen kleinen Vorrat ab. Für uns schmeckt das Wasser etwas zu gesund – im Gegensatz zu den angeblich besten Khinkali in ganz Georgien. Diese genehmigen wir uns direkt danach im “Geburtsort” der Khinkali, Passanauri. Merab kennt hier ein gutes Lokal, schlägt unsere Einladung allerdings aus, da er die Rechnung hier nicht bezahlen muss. Das ist Georgien: Eine Hand wäscht die andere. Vielleicht liegt´s am obligatorischen Gedeck mit Wein und Chacha, aber ich muss sagen, das waren tatsächlich die besten Khinkali dieser Reise.
Telawi
Wir nähern uns Telawi, der bekanntesten Weingegend in Georgien. Schon bald spüren wir, dass wir in ländlicheren Gefilden unterwegs sind, denn wir müssen uns die Straße mit jeder Menge großer und kleiner Tiere teilen. Zum Abendessen gönnen wir uns heute eine Käseprobe bei Odlisi, wo der Käse sowohl in georgischer als auch in schweizer Machart produziert wird. Der “Chef de fromage” der Familie hat sein Handwerk in der Schweiz gelernt und einen gigantischen Coup (Wortspiel natürlich beabsichtigt) gelandet, als er 80 Kühe aus der Schweiz importiert hat. Telawi ist ein übersichtliches Städtchen, das wir an einem Tag abgegrast haben. Aber natürlich können wir hier nicht weg, ohne den guten Wein zu probieren. Mit der Marschrutka fahren wir in den Nachbarort Gremi, wo wir die TEMI community besuchen. Dabei handelt es sich um ein soziales Projekt mit 70 Bewohnern „mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Fähigkeiten“, einige davon sind freiwillige Helfer. Einer dieser fancy gekleideten jungen Helfer führt uns über das Gelände, die Gärten, Weinreben, die hauseigene Brotbäckerei und natürlich die Winzerei. Nach der Hälfte der Tour stellen wir fest, dass wir dieselbe Sprache sprechen – auch gut, auf Deutsch gehts einfacher. Der Wein bei TEMI wird auf traditionelle Weise hergestellt und anschließend zum Reifen in Tongefäße, sogenannten Qvevris, abgefüllt. Bei bestem Wetter genießen wir den Biowein, bevor wir mit schöner Aussicht und gutem traditionellen georgischen Essen in Telawi den Abend ausklingen lassen.
Kutaissi, die zweite
Dieser Teil unserer Überlandreise ist auch eine Rundreise. Und wie das eine Rundreise so an sich hat, muss man am Ende wieder zum Anfang zurück. Unser neuer bester Freund und Fahrer Georgi kutschiert uns einmal vom Osten in den Westen zurück nach Kutaissi. Unsere letzten Stunden zu viert verbringen wir damit, nochmal in eine andere Ecke von Kutaissi zu spazieren, auf der Suche nach neuem Street Art und Sowjet-Relikten. Wir werden fündig und belohnen uns dafür zum Abschluss mit einem Eis. Dann heißt es nach zwei viel zu kurzen Wochen wieder Abschied zu nehmen. Die Reise geht weiter zu zweit.
Ein bisschen betrübt und orientierungslos versuchen wir an einem weiteren Tag in Kutaissi auszuloten, wohin die Reise weitergeht. Das Wetter soll überall gleich mies sein, also entscheiden wir uns für Batumi, weil wir da noch nicht waren und es eine gute Zuganbindung gibt. Bevor wir wieder vom Urlaubs- auf unseren normalen Modus umschwenken, leisten wir uns nochmal etwas. Wir buchen einen Fahrer, der uns über einen großen Umweg über Anaklia nach Batumi fährt. Hier bekommen wir zum zweiten Mal das georgische Hundeproblem zu spüren, als wir zum Strand und in Richtung der Georgisch-Abchasischen Grenze spazieren wollen. Schon von weitem kommt uns in diesem verlassenen Eck ein Rudel Hunde entgegen, die aggressiv ihr Revier verteidigen. Bei diesem Anblick zwickt meine rechte Arschbacke und wir machen Kehrt Richtung Ortsmitte. Anaklia ist ein gescheiterter Versuch, einen neuen Ferienhotspot am Schwarzen Meer zu etablieren. Skurrile, leere Gebäude, ein Schiffswrack und verlassene Ferienanlagen mit Tennisplätzen erzeugen einen dystopischen Eindruck. Gleichzeitig wird hier ein riesiges Hotel gebaut – wie das mit rechten Dingen zugehen kann, können wir uns nicht erklären. Unser Fahrer ist der Meinung, dass die Situation hier hauptsächlich mit der Nähe zur Grenze und der regelmäßigen Verschiebung dieser zusammenhängt. Ob das stimmt, können wir nicht überprüfen, ich finde keine entsprechenden Berichte. Wegen weiterer Bauarbeiten geht uns noch ein zweites Highlight durch die Lappen, denn der Tikora Tower scheint nicht zugänglich zu sein.
Batumi
In Batumi hingegen scheint das Experiment geglückt zu sein. Das “Las Vegas des Ostens” strotzt nur so vor modernen Wolkenkratzern. Viele sind schon fertig, gefühlt noch mehr davon in Bau oder Planung. Mit weniger als zweihunderttausend Einwohnern ist die Stadt eigentlich in einer ähnlichen Größenordnung wie Freiburg, die Skyline gaukelt einem aber eine Millionenstadt vor. Trotz moderner Architektur hat sich die Stadt auch eine kleine Altstadt bewahrt, in der wir zunächst unterkommen. Das schlechte Wetter überbrücken wir mit tollen Aktivitäten wie Steuererklärung, Studieren und Reiseplanung. Als das Wetter besser wird, müssen wir die Wohnung verlassen, wollen aber noch ein bisschen im Ort bleiben. Es ist die Gelegenheit, mal ein paar Nächte günstig in einem Hightech-Skyscraper zu verbringen. Wir buchen uns in einen sechsundvierzigstöckigen Hochhausturm mit 600 Zimmern direkt am „Strip“ und einer netten Aussicht auf den Strand ein. Abends kann man hier wunderbar entlang flanieren und der bunten Lichtshow der Stadt zuschauen. Nach ein paar Tagen urbanem Lifestyle flüchten wir in den botanischen Garten außerhalb der Stadt, der so groß ist, dass man locker den ganzen Tag dort verbringen kann. Natürlich können wir uns einen Besuch des Casinos nicht verkneifen, aber nachdem wir ein paar Lari verzockt haben, können wir die verrauchte Luft und die schräge Atmosphäre nicht länger ertragen und ziehen von dannen.
Tiflis, die zweite
Immer wieder, wenn wir zum zweiten Mal an einem Ort sind, beschleicht mich ein großes Gefühl “nach Hause” zu kommen. So auch in Tiflis, wobei ich eigentlich gar nicht das Gefühl hatte, hier nochmal herkommen zu müssen. Nach einer so-lala-Zugfahrt mit dem hochgelobten Stadler-Zug empfängt uns Tiflis mit freundlichem Wetter. Wir holen ein paar Dinge nach, die wir beim ersten Besuch nicht geschafft haben: Ein Ausflug zu den Chronicles of Georgia (einem brachialen Monument, um über 3000 Jahre georgische Geschichte darzustellen), ein Abendessen im Coca-Cola Dining Room (dem Kantinenraum des ehemaligen Coca-Cola-Werks, welcher zur öffentlichen Kantine umfunktioniert wurde), ein Besuch im Art Palace und einige Stunden auf unserer wunderschönen Terrasse in der vermutlich besten Unterkunft in ganz Georgien. Und schon ist unsere Zeit in Tiflis wieder vorbei.
An diesem Punkt ist unser großes Überland-Abenteuer zu Ende. Zumindest der erste Teil. Wir müssen unsere Reisepläne anpassen, denn die geopolitische Lage sowie das Einreiseverbot über Land nach Aserbaidschan zwingen uns dazu. Ursprünglich wollten wir durch Aserbaidschan reisen und das Kaspische Meer per Fähre überqueren, aber die Einreise über die Landgrenzen ist seit Covid-19 geschlossen. Wir müssten also von Georgien nach Aserbaidschan fliegen oder durch Russland oder den Iran reisen, wobei wir keine dieser Möglichkeiten als gut erachten. Also greifen wir auf das gute, alte Flugzeug zurück. Wir werden unterwegs noch einige Reisende treffen, die vor demselben Problem standen. Um 15:30 Uhr soll unser Flieger nach Taschkent gehen, die Rucksäcke sind gepackt, und wir sind ready. Dann kommt die Nachricht: Flug verspätet, Abflug 17 Uhr. Nicht schlimm, das Wetter ist schön, wir freuen uns über zwei Stunden mehr in Tiflis. Dann die nächste Nachricht: Es wird 19 Uhr. Und dann 20 Uhr. Das Spiel geht noch eine Weile so weiter, bis wir um ein Uhr Ortszeit tatsächlich in Richtung Taschkent abheben und dieses schöne Land hinter uns lassen.






































Hallo ihr beiden, ich hab mal wieder bei euch reingeschaut – und bin hängengeblieben.
Immer kurzweilig, informativ und spannend euere Texte.
Bitte weiter so.
Ich bin gespannt wie es weitergeht.
Ich freue mich besonders, ein Bild von Pommes zu sehen. Die Suche nach dem größten Pommes der Welt geht weiter.
Wir werden alles geben und die lokale Küche vernachlässigen, nur um das größte Pommes zu finden!