Georgien – kleines Land mit Kampfgeist
Kutaissi
Kutaissi hat gute Direktflugverbindungen nach Deutschland. Nein, wir fliegen nicht Heim. Wir erwarten erfreulichen Besuch auf unserer Reise. Simons Eltern werden uns für zwei Wochen in Georgien begleiten. Wir kommen ein paar Tage früher an und sehen uns hier schon mal ein bisschen um. Der erste Eindruck von der Stadt ist: Wow, da wurde schon lang nichts mehr renoviert oder erneuert. Fast alle Fassaden sind in die Jahre gekommen und blättern und bröckeln ab. Immer wieder sieht man leerstehende und halb zerfallende Gebäude. Die Innenstadt von Kutaissi ist dennoch ganz schön mit dem Kolchisbrunnen, dem Stadtpark, den gemütlichen Restaurants und Cafés. Außerdem hat man bei klarem Wetter einen tollen Blick auf die umliegenden schneebedeckten Berge. Gleich am ersten Abend befinden wir das georgische Essen für sehr gut, nur die Namen der Gerichte sind gewöhnungsbedürftig, aber die Klassiker wie Khinkali und Katchapuri klingen ziemlich witzig. Außerdem begegnen sie uns immer wieder auch außerhalb der Speisekarte, als Magnet, Kuscheltier, Schlüsselanhänger, Leuchtreklame oder auf T-Shirts. Für uns Vier buchen wir eine Villa in Kutaissi und können die Stadt problemlos zu Fuß erkunden. Wir machen mehrere Spaziergänge durch die Stadt, bewundern Streetart und kaufen auf dem Basar ein. An einem verregneten Tag machen wir einen Ausflug in eine riesige Tropfsteinhöhle, die Prometheus Cave, und besuchen noch ein Kloster auf dem Weg dorthin. Das besondere dabei, wir haben einen Fahrer, der uns durch die Gegend fährt. In Georgien kann man über GoTrip eine persönlich zusammengestellte Tour mit Fahrer buchen. Pausen sind jederzeit erlaubt und das Zeitlimit sind 24 Stunden. Das Verrückte: es ist günstiger und ungefährlicher als selbst ein Auto zu mieten.






Wir testen aber auch den öffentlichen Verkehr in Kutaissi und fahren mit einer Marschrutka nach Tsakltubo. Eine Marschrutka ist ein Minibus mit etwa 12 Sitzplätzen, der eine festgelegte Route abfährt. Eine gute Alternative für kurze Strecken unter 1 Stunde, da super günstig, aber eng und unbequem. Tskaltubo war einst sowas wie eine Kurstadt. Zur Zeiten der Sovietunion schickten Unternehmen ihre Angestellten hierher, um Urlaub zu machen. Für diese Zwecke entstanden hier pompöse Spa – Anlagen. In einer von ihnen, die heute noch in Betrieb ist, hatte Stalin sogar seinen persönlichen Bereich. Die meisten anderen Anlagen hat nach dem Zerfall der Sovietunion ein anderes Schicksal ereilt. Verkommen und teilweise zerfallen sind es heute nur noch Ruinen, die die Neugier von Touristen und Fotografen wecken. Sind sie einsturzgefährdet? Wer weiß das schon, aber jeder kann rein und sich mal umsehen. Einige besser erhaltene Gebäude werden zum Teil bewohnt. Manche Bewohner verdienen was dazu, indem sie kleine Eintrittsgelder verlangen, dafür gibt es noch eine originelle Führung sogar auf Englisch. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie ist es faszinierend die Ruinen zu erkunden und sich vorzustellen, wie sie einst ausgehen haben. Es gibt Pläne einige von Ihnen wiederzubeleben und wir sehen bei unserem Besuch einen dieser Pläne in Arbeit. In Tskaltubo wird uns das Hundeproblem Georgiens so richtig bewusst. Mehrfach treffen wir auf ganze Rudel streunender Hunde und werden mal von einzelnen, mal vom ganzen Rudel begleitet. Einer von ihnen ist sogar auf unserem Gruppenbild, wir taufen ihn Schaschlik (siehe Titelbild).







Überraschend für mich, aber Georgien ist das Land der Seilbahnen, und zwar nicht nur in den Bergen. Fast jede Stadt, die wir besuchen, hat mindestens eine. Einst stellte man in Georgien Seilbahnen für die ganze Sovietunion her. In Kutaissi wagen wir eine Fahrt mit einer historischen Seilbahn und dann eine mit einem, zumindest optisch, noch historischeren Riesenrad. Essenstechnisch lassen wir es uns ziemlich gut gehen und testen jeden Abend ein anderes Restaurant, denn wiedermal sind die Preise im Supermarkt verhältnismäßig hoch. Einen Abend reservieren wir in Tomas Weinkeller. Es gibt ein festgelegtes georgisches Menü mit Wein bis zum Umfallen. Als Aperitif gibt es einen Chacha, eine Art Trester, der, so Toma, den Appetit anregen soll.





Die meisten Georgier kommen mir reserviert bis unfreundlich vor. Es kommt nicht nur einmal vor, dass Verkäuferinnen genervt mit den Augen rollen, wenn man unentschlossen ist oder die Gebäckstücke nicht benennen kann. Die angepriesene Gastfreundschaft erleben wir eher selten und unerwartet, wie z.B. am Kassenschalter der Metro, wo eine ältere Dame jedem Ausländer geduldig und sehr freundlich das Ticketsystem erklärt. Ich erkläre mir das Ganze so: Das Land hat nur vier Millionen Einwohner und musste seine Kultur und Sprache immer gegen mächtigere Länder verteidigen. Eine skeptische Haltung gegenüber Fremden hat bestimmt dazu beigetragen, das Georgischsein zu bewahren. Letztendlich mag ich die Georgier so wie sie sind – authentisch unfreundlich 🙂
Tiflis
Nach Tiflis wollen wir mit dem tollen Highspeed-Zug fahren, landen aber doch im Bummler, weil der Schnellzug nur zweimal am Tag fährt. Jeder Waggon hat einen Schaffner, und während der Fahrt machen es sich alle zusammen auf den besten Plätzen in der „ersten Klasse“ bequem, unterhalten sich, scrollen am Handy oder schlafen. Diese Plätze kann man als Fahrgast nicht buchen. Wohl eine leichte Form der Korruption. Wir kommen in der Altstadt bei Aleq unter, der die obere Etage seines Hauses vermietet. Er freut sich, dass er beim Herumführen nicht Englisch sprechen muss – ich übersetze. Viele ältere Georgier sprechen noch Russisch, die jüngere Generation lernt lieber Englisch in der Schule. Zu Sowjetzeiten war Russisch zweite Amtssprache und wurde ab der ersten Klasse gelehrt. Den Georgiern ist ihre außergewöhnliche Sprache heilig. So führte es zum Beispiel zu heftigen Protesten und Auseinandersetzungen, als die russische Regierung sie verbieten wollte. Georgisch ist eine der ältesten Kultursprachen und mit keiner anderen Sprache verwandt. Es hat auch ein eigenes Alphabet mit 33 Buchstaben. Zutatenlisten und Kassenbons lesen ist für uns somit ausgeschlossen, und auch die Übersetzer-Apps versagen fast alle. Bei einer Free-Walking-Tour erfahren wir, dass die Georgier auch sehr gerne reden. Die ursprünglich 2,5‑stündige Tour wird um fast eine halbe Stunde überzogen, und danach wollen wir wirklich nichts mehr wissen.






Schon in Kutaisi entdecken wir das eine oder andere Streetart-Highlight Georgiens, aber in Tiflis kann man Tage damit füllen, auf Streetart-Jagd zu gehen. Die Bilder schmücken oft ganze Hochhauswände und sehen zum Teil wie Fotos aus. Streetart ist in Georgien erwünscht, und es werden regelmäßig Festivals veranstaltet. Auch Tiflis hat wie viele Hauptstädte ein Hipster-Viertel. Dessen Mittelpunkt ist eine alte Nähfabrik, die „Fabrika“. Es gibt Cafés, Restaurants, ein Hostel, Ateliers und Coworking-Angebote. An einem sonnigen Tag wandern wir hoch auf den Mtazminda, den Hausberg von Tiflis. Dort gibt es einen kleinen Vergnügungspark und ein Café, das immer noch Ponchiki – mit Pudding gefüllte Teigtaschen – wie zu Sowjetzeiten verkauft. Auf dem Rückweg machen wir Halt am Pantheon, einem Friedhof für bekannte Persönlichkeiten. Das Besondere sind die individuell gestalteten Grabsteine. Am Abend bleiben wir einmal zu Hause und essen glutenfreie Khinkali und Torte, die wir in einer Bäckerei in der Stadt entdeckt haben. Zu meinen Highlights in Tiflis zählt auf jeden Fall der Besuch eines Gottesdienstes in einer kleinen historischen Kirche am Sonntagmorgen. Die Gläubigen stehen im Raum verteilt, während die Geistlichen die Zeremonie vollführen und dabei singen.






Im historischen Museum gibt es eine Ausstellung zur Sowjetzeit in Georgien, in der insbesondere das grausame Regime Stalins dokumentiert ist. Als Ergänzung dazu fahren wir nach Gori, die Geburtsstadt Stalins, nur 1,5 Stunden von Tiflis entfernt. Hier gibt es immer noch die Stalinstraße, und die letzte Stalin-Statue wurde erst vor nicht allzu langer Zeit entfernt. Ein Teil der Bevölkerung, vor allem die ältere Generation, verehrt den alten Diktator und scheint blind für seine Verbrechen zu sein. Unser Tourguide, eine junge Politikstudentin, ist ganz anderer Meinung und sieht es als ihre Aufgabe, Besucher über die historischen Fakten aufzuklären. Sowohl bei unserer Stadttour in Tiflis als auch hier merken wir, dass die junge Generation eher Europa zugewandt ist und die Vergangenheit mit Russland hinter sich lassen will. In Gori erleben die Menschen 2008 jedoch, dass das nicht so einfach ist – als russische Panzer in die Stadt rollen und sie für mehrere Wochen zum Kriegsgebiet machen. Es gibt immer noch zwei Gebiete im Norden Georgiens, die unabhängig sein möchten und dafür militärische Unterstützung von Russland erhalten – was auch der Grund für den kurzen Krieg in Gori war.





Anschließend an unsere Gori‑Tour besuchen wir noch die ehemalige Hauptstadt Georgiens, Mzcheta, heute das religiöse Zentrum des Landes. Hier schauen wir uns im Rahmen einer kurzen Tour die Swetizchoweli‑Kathedrale an – für mich eine der beeindruckendsten in ganz Georgien. Unter der Kirche soll das Gewand Jesu begraben sein, in der Kathedrale befindet sich eine Nachbildung der Grabeskirche aus Jerusalem, und auch der Arm des Apostels Andreas wird hier aufbewahrt. Aber das ist eher etwas für Religionsnerds – ich finde sie einfach nur besonders hübsch.





Stepansminda (ehemals Kazbegi)
Wie es nach Tiflis weitergeht, wissen wir nicht, denn überall sieht die Wettervorhersage nicht gut aus. Deshalb verlängern wir unseren Aufenthalt um einen Tag und entscheiden uns dann am Abend für Stepantsminda im Kaukasus. Stepantsminda und Umgebung sind Georgiens Bestseller. In der Skisaison ist es vor allem bei den Saudis beliebt. Wir buchen die Fahrt über GoTrip mit dem Fahrer, der uns schon nach Gori gefahren hat. Georgi ist ein aufgeschlossener, lustiger Typ, der sehr gut Englisch spricht und ein großer Fußballfan ist. Er war selbst einmal Spieler, zuletzt in Saudi-Arabien, und musste nach einer Verletzung aufhören. Natürlich kennt er den SC Freiburg, in dem mindestens drei georgische Spieler erfolgreich gespielt haben. Mit Georgi am Steuer fühlen sich alle sicher und wohl, auch wenn die Straße sehr abenteuerlich ist. Die Straße wurde im 19. Jahrhundert vom russischen Kaiserreich als Militärstraße ausgebaut und ist noch heute eine wichtige Verbindungsstraße nach Russland. Durch den vielen LKW-Verkehr ist sie entsprechend beschädigt, doch Georgi manövriert souverän zwischen Schlagkratern und LKWs. Auf der Route machen wir Halt an einem Staudamm, einer Festung und am Russisch-Georgischen Freundschaftsdenkmal. Die Höhenlinie steigt von ca. 400 Metern (Tiflis) auf 2.395 Meter (Jvari-Pass). Während wir den Staudamm noch im Grünen bewundern, steht das Denkmal bereits im Schnee. Vor dem Tunnel gibt es die Möglichkeit, eine Fahrt mit dem Schneemobil zu unternehmen. Wir finden sie etwas überteuert und kurz, aber „eine bleibende Erinnerung“, sagt Georgi – wir werden sehen.






In Stepantsminda angekommen, ziehen wir in unser gemütliches Guesthouse ein. Es hat nur acht Zimmer, und außer uns sind nur zwei Gäste da. Den sonnigen Nachmittag verbringen wir auf einer der Terrassen und entspannen mit Blick auf die wunderschöne Landschaft. Am nächsten Tag wandern wir zur berühmten Gergeti-Dreifaltigkeitskirche. Die Wanderung hat eine angenehme Länge und einen moderaten Schwierigkeitsgrad, das Wetter ist perfekt und die Aussichten sind atemberaubend. Der Kasbek, mit 5.054 Metern der höchste Berg der Region, zeigt sich nahezu wolkenlos. Die Kirche selbst ist nicht besonders interessant, aber die Lage ist unschlagbar. Auch wenn es nur zwei Tage waren, hat sich der Aufwand der Fahrt gelohnt.



