|

Nördlich des Polarkreises

Am späten Abend, gegen halb acht, sitzen wir am Bahnhof in Stockholm und warten auf den Nachtzug Richtung Polarkreis. Wir haben eine 6er-Kabine gebucht – in der Hoffnung, dass sie nicht voll belegt sein wird. Der Zug kommt, und wir beziehen die obersten Plätze. Es ist ziemlich eng, und man muss sein Gepäck ebenfalls ganz oben verstauen, aber das ist nicht das Anstrengendste heute Abend. Die wirkliche Herausforderung ist, sein Bett auf diesem kleinen Raum zu beziehen. Simon kämpft gefühlte 30 Minuten mit dem Bettbezug – ein bisschen Schadenfreude auf meiner Seite 🙂 Die Kabine füllt sich jetzt doch langsam und ist am Ende voll belegt. Wir fliehen ins Bordbistro, denn in der Kabine kann man nur liegen oder schlafen. Wir gehen so spät wie möglich ins Bett – ja, noch vor zwölf, denn wir sind alt …
Das Schlafen auf der Bridge ist gewöhnungsbedürftig, weil der Zug sich oft abwechselnd zu beiden Seiten neigt. Der Körper geht mit dem Zug mit, ob man will oder nicht. Ich kann lange nicht einschlafen. Dennoch bin ich schon um sieben Uhr wach. Die Sonne geht hier jetzt mitten in der Nacht auf und ist um sieben Uhr morgens schon so hell wie bei uns um zehn Uhr.
Wir frühstücken noch im Nachtzug, bevor wir gegen elf Uhr am Bahnhof im schwedischen Ort Boden den Zug wechseln. Wir fahren noch weiter Richtung Norden – und normalerweise geht das auch mit dem Nachtzug ohne Umstieg, wären da nicht die Wartungsarbeiten, die uns in Schweden und Norwegen etwas das Leben schwer machen.
Sei’s drum – wir freuen uns auf die Sitzplätze. Die Landschaft, die wir lange Zeit durchqueren, ist schön, aber auch relativ langweilig. Es ist flach, grün, und es gibt viele Seen – sehr viele Seen. Ab und zu ziehen ein paar rote, schwedische Häuschen vorbei, und einmal sehe ich ein Rentier.
Das Bild ändert sich ab der Haltestelle Kiruna – ein Ort mit immensen Eisenerzvorkommen. Das Eisenerz wird ab Kiruna noch heute mit dem Zug zum Hafen von Narvik transportiert. Nach einigen Minuten merken wir, dass wir dem Land der Fjorde näher kommen. Es wird bergiger, und schon bald passieren wir zum Teil schneebedeckte, ansonsten schwarze Gipfel, denen das klare Wasser zu Füßen liegt. Die letzte Stunde der Fahrt schauen wir nur noch staunend aus dem Fenster.

Narvik ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist umgeben von schneebedeckten Bergen, und man erwartet, hier zu frieren – selbst im Sommer. Dafür habe ich mir in Stockholm sogar eine Wollmütze gekauft. Die brauche ich hier jedenfalls nicht. Es ist mild und an unserem Ankunftstag sehr sonnig. Es hört gar nicht mehr auf, sonnig zu sein, denn wir haben mit dem Zug den nördlichen Polarkreis passiert und sind im Land der nie untergehenden Sonne.
Das milde Klima verdankt Narvik dem Golfstrom, und das Wasser im Fjord gefriert selbst im Winter nicht. Auch wenn die Sonne nicht untergehen kann, so kann sie sehr wohl hinter einer Wolkendecke verschwinden. Glücklicherweise erwischen wir noch einen sonnigen Tag für eine schöne, kurze Wanderung und quälen uns später, um kurz vor Mitternacht, noch einmal auf den Berg, um über die immer noch nicht untergegangene Sonne zu staunen.
Die Stadt selbst gibt nicht so viel her. Sie wirkt trostlos und fast verlassen. Zum Glück gibt es hier ein interessantes Museum, in dem man etwas über die Geschehnisse in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs lernen kann. Hier in Narvik wurde nämlich das eigentlich neutrale Norwegen 1940 von den Deutschen angegriffen – aufgrund der strategischen Lage, aber insbesondere wegen des Eisenerzes. Einige wichtige Schiffe der Deutschen wurden bei dem Kampf zerstört, und sie konnten zunächst zurückgedrängt werden. Dem Folgeangriff konnte die Stadt jedoch nicht standhalten und stand von da an bis Kriegsende unter deutscher Herrschaft.

In Nordnorwegen gibt es nur eine Zugverbindung – die von Schweden nach Narvik –, ansonsten ist man hier auf Busse und Fähren angewiesen. So fahren wir mit einem Langstrecken-Linienbus in vier Stunden nach Tromsø, der Hauptstadt des Nordens. Tromsø hat etwas von einem großen Fischerdorf, denn viele der alten Holzhäuser sind noch gut erhalten. Es gibt aber auch moderne Bauten, so wie die Kirche oder einen Apartmenthotel-Komplex am Hafen. Außerdem findet man an jeder Ecke kitschige Giftshops, die an eine Weihnachtsmannfabrik erinnern – wobei die ausgestopften Eisbären eine eher makabere Version davon darstellen. Das Stadtbild, gepaart mit der umgebenden Natur, lässt mich an Rentierschlitten denken, die hier jederzeit landen könnten – oder vielleicht macht der Polarexpress demnächst halt. Es passt nur nicht, dass es hier doch so warm ist. Tromsø ist eine Winterstadt. Vielleicht sind die Unterkünfte jetzt im Juli deshalb verhältnismäßig günstig. Diesmal gönnen wir uns sogar ein richtiges Hotel mit Halbpension.
Bei Ausflügen verlassen wir uns auf die Supermärkte, denn Essen gehen macht in Norwegen nicht so viel Spaß. Es ist für uns extrem teuer, und wegen meiner Ernährungseinschränkungen finde ich meistens eh nichts auf der Karte. Das Nationalgericht der Norweger ist nämlich Pizza. Es gibt eigentlich, ähnlich wie bei uns, in jeder Stadt die gleichen Supermarktketten: KIWI, REMA 1000, Joker, verschiedene Coop-Varianten und Spar. Auffällig ist, dass fast ausschließlich Produkte von norwegischen Herstellern vertreten sind. Coop hat eine internationalere Auswahl, ist aber häufig teurer. Spar ist laut einem Marktvergleich am teuersten, deshalb weiß ich immer noch nicht, was es dort für Lebensmittel gibt. Hier im Norden findet man Elch-, Rentier- und sogar Walsalami im Regal. Auch bekommt man Steaks dieser Tiere im Restaurant. Wir wundern uns sehr über das Walsteak, und es widerstrebt uns sehr, es zu probieren. Auf den Vesterålen werden wir mehr dazu erfahren.
Aber zurück zu Tromsø: Hier machen wir eine self – guided Statdtour und viele spät abendliche Spaziergänge, um uns die Mitternachtssonne anzuschauen oder einfach nur weil es um 23 Uhr immer noch so hell ist. An einem sonnigen Tag unternehmen wir eine coole Wanderung auf den Hausberg, bei der man zunächst 1.203 Stufen erklimmen muss. Oben angekommen, bekommt man eine tolle Aussicht auf die Stadt, die Inseln und die umliegenden Berge. Beim Abstieg wird es dann doch wieder unangenehm, denn es geht durch ein Waldstück, in dem sich alle paar Meter Raupen vom Baum herunterlassen. Sie nutzen die Vorbeilaufenden als Transportmittel zur nächsten Futterstelle. 
Tromsø ist der nördlichste Teil unser bisherigen Reise. Nebenbei bemerkt – die Stadt macht viel Marketing Rund um das Thema nördlichste Einmaligkeiten. So gibt es den nördlichsten Burger King, das nördlichste Rock Café, die nördlichste Brauerei u.v.m. Klingt fast so, als ob weiter nördlich nicht viel los sein kann. Irgendwie juckt es uns in den Füßen noch weiter nördlich zu reisen, wenn wir schon so weit gekommen sind. Andererseits ist z.B. das Nordkap auch von Tromsø immer noch 9 Stunden (615km) entfernt. Und Norwegen ist an dem Punkt auch noch nicht zu Ende. Es erstreckt sich bis an die russische Grenze. Wir lesen, dass das Nordkap im Prinzip nur eine Markierung in der Landschaft und nicht mal der tatsächlich nördlichste Punkt Europas ist. Der nördlichste Punkt ist die Landzunge Knivskjellodden – 1.380 m vom Nordkap und nur zu Fuß zu erreichen. Wir beschließen, dass wir nördlich genug gekommen sind und reisen weiter Richtung Süden.

Similar Posts

  • |

    Griechenland – Lebenszeichen aus dem Winterschlaf

    ThessalonikiDas Reisen im Winterwonderland hat uns etwas geschlaucht. Die Tage waren kurz, das Energielevel auf Gemütlichkeit eingestellt und die Stimmung eher gedeckt. Wir hatten sehr auf die Sonne Griechenlands gesetzt, um dem Winterblues zu entkommen. Das kalte Bulgarien verlassen wir bei minus 11 Grad, um nach ca. sechs Stunden Busfahrt bei 12 Grad in Thessaloniki…

  • |

    Die zwei Täler

    Einer meiner Lieblingsstopps: das Dadestal im Atlasgebirge. Bevor uns zwei Taxis dorthin bringen, verbringen wir ein paar Tage im Reich der Kasbahs und Palmenoasen, Skoura. Wie bei jedem Stopp in Marokko erleben wir wieder einen kompletten Szenenwechsel. Es ist trocken, wüstenartig, überall sieht man Häuser aus Lehm – mal einfache Wohngebäude, mal Festungen, die Kasbahs….

  • |

    Der Norden

    Casablanca Casablanca hatten wir eigentlich nicht auf unserer Liste, da alles, was ich darüber gehört habe, den Eindruck vermittelte, dass die Stadt nicht so aussieht wie im gleichnamigen Film (den ich nie gesehen habe) und nicht sonderlich schön sein soll. Allerdings ist sie ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, weshalb es uns für eine Nacht hierhin verschlagen hat….

  • |

    Die Wüste

    Wir reisen spät in den Wüstenort M’Hamid – ein Ort, der hauptsächlich deshalb besteht, weil er als eines der Tore zur Sahara dient – und werden in einem 4×4-Van für nur einige Minuten in die Wüste zu unserem Camp gebracht. Dieses besteht aus verschiedenen Lehmhütten, die entweder als Zimmer, als Bad oder als Gemeinschaftsraum dienen….

  • |

    Wir ziehen wieder los

    Am liebsten würden wir den Winter überspringen, denn er ist zumindest in Europa keine so schöne Jahreszeit zum Reisen – zumindest nicht für uns. Man kann Städte besuchen, in Museen gehen und auf Weihnachtsmärkte, aber Wandern ist nur bedingt möglich, denn Winterstiefel und -jacke haben wir nicht im Gepäck. Zuhause planen wir unsere weitere Route….

2 Comments

  1. Hallo Klara und Simon.
    Simon hat mich bei der Frage, wie es euch geht, auf euern Reiseblog aufmerksam gemacht. Zunächst ein großes Kompliment, ich bin ganz begeistert von den Bildern und euern lebendigen Schilderungen. Besonders spannend finde ich die Berichte aus Norwegen, da wir das Land schon dreimal intensiv mit dem Wohnmobil (wie dekadent 🙂 ) bereist haben, die meisten den beschriebenen Ort haben wir auch schon besucht. Zuletzt 2024 über Südschweden, Stockholm nach Helsinki. Durch ganz Finnland hoch zum Nordkapp und danach die gesamte Westküste Norwegens zum zweiten Mal abgefahren, Tromsö ist unsere Lieblingsstadt. Finnland hat mich positiv überrascht, es ist ursprünglich geblieben, während Norwegen als Hype-Ort zwischenzeitlich überrannt wird – von Wohnmobilisten und Kreuzfahrern… Wenn es nochmals nach Norden geht, dann Finnland-Süd intensiv.
    Wir bewundern eueren Weg, ihr redet nicht darüber “man sollte mal….” sondern handelt.
    Hierzu wünschen wir euch weiterhin viel Energie, Glück und Spaß – wir werden ab sofort euern Blog verfolgen.
    Herzliche Grüße aus Mahlberg und einen guten Rutsch ins Jahr 2026.
    Achim und Ute Metzger

    1. Hallo Achim und Ute,
      das freut mich, dass ihr auf unseren Blog gefunden habt 🙂
      Dann war vermutlich nicht so viel Neues über Norwegen für euch dabei. Mit dem Wohnmobil in den Norden ist sicherlich eine gute Idee, da es doch manchmal schwierig ist, mit den Öffis in die abgelgeneren (und damit interessanteren) Gegenden zu kommen.
      Vielen Dank für euren Kommentar und auch euch alles Gute und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
      Liebe Grüße
      Klara und Simon

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *