Ballons, Steine und Köstlichkeiten
Kappadokien
Mit Kappadokien wartet das nächste touristische Highlight auf uns, denn sowohl zahlreiche Blogs als auch jeder Einheimische und Reisende, mit dem wir ins Gespräch kommen, rät uns zu einem Besuch der Region. Das bereits rund 8000 Jahre v. Chr. besiedelte Gebiet erstreckt sich – je nach Definition – eigentlich über einen viel größeren Teil der Türkei als das, was man heutzutage unter Kappadokien versteht. Die meisten denken dabei an einen der stärker frequentierten Orte – zum Beispiel Göreme, wo auch wir uns in einer zur Unterkunft umgebauten Höhle einquartieren. Mit der netten Vermieterin haben wir nur online Kontakt, mit ihren beiden Onkeln jedoch vor Ort. Jedes mal, wenn wir in ihren kleinen Shop unterhalb unseres Zimmers kommen, bestehen sie darauf, uns mit noch mehr Süßigkeiten vollzustopfen oder uns unsere kleinen Einkäufe zu schenken. Wir wollten gerne nach Kappadokien, wegen der bizarren Felsformationen. Die Natur hat aus Vulkanasche und Tuffstein über die Zeit diese Kunstwerke aus Stein gemeißelt. Mehr dazu erfährt man wie immer bei Wikipedia. Wir nutzen die Tage, um durch die ganzen Täler, die sich um unseren Aufenthaltsort herum erstrecken zu besuchen – Love Valley, Pigeon Valley, Rose Valley; ich kann mir die Namen nicht alle merken. Und auch wenn Göreme sehr touristisch ist – mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt – scheint es doch der ideale Ort für solche Ausflüge zu Fuß zu sein.




Von außen hat es für mich häufig den Anschein, dass für viele Menschen der Grund für eine Reise (wohin auch immer) darin besteht, sich selbst vor einem bestimmten Motiv zu fotografieren (Auch die Forschung beschäftigt sich schon damit, wer sich reinnerden will: viel Spaß). In diesem Fall ist das vor oder hinter einem der bis zu 164 Heißluftballons, die zeitgleich hier in der Luft sind. Unsere Vermieterin gibt uns täglich den extrem schwankenden Preis für die Fahrt durch. Als dieser dann auf ein Drittel des Vortages sinkt, können auch wir nicht widerstehen und buchen die Ballonfahrt. Schon um halb 6 morgens werden wir abgeholt und zu unserem Ballon gebracht, warten allerdings noch eine ganze Weile, bis wir dann tatsächlich in der Luft sind. Die Aussicht von oben ist eine ganz andere und auch das Prozedere mit den Heißluftballons ist spannend. Das wiederum gilt nicht für die “Underground City” in Derinkuyu, die wir mit dem Bus anfahren. Diese faszinierende Untergrundstadt ist technisch und historisch sicherlich sehr bewundernswert – leider ist sie aber auch überfüllt, nicht ausgeschildert und für türkische Verhältnisse überteuert. Eines morgens quälen wir uns dann noch zum Sonnenaufgang auf den nächstgelegenen Berg, um das tägliche Spektakel von unten zu beobachten. Der Anblick vom Boden ist nicht weniger spektakulär – wer sich die Tour nicht gönnen kann oder will, kann sich ganz kostenlos und ohne Höhenangst dieses Event zu Gemüte führen.
Für unsere restlichen Tage in der Türkei sind wir uns noch nicht ganz klar darüber, wo es denn lang gehen soll. Wir müssen viel Strecke hinter uns lassen und können eine Route entlang des Schwarzen Meeres, durch die Mitte oder durch den Südosten wählen. Leider spielt das Wetter für die nächsten Tage überhaupt nicht mit. Daher fällt die Option durch Ostanatolien weg, denn auf Schnee in der Stadt würden wir gerne verzichten. Die interessantesten Orte gibt es in der Grenzregion, das Auswärtige Amt unterstützt unsere Idee aber nicht: Für die gesamte Region entlang der syrischen, iranischen und irakischen Grenze wird von nicht notwendigen Reisen abgeraten. Nach einigem Hin und Her empfinden wir die Reise aber als notwendig. Ich kann meinen persönlichen Clinch mit FlixBus hinter mir lassen – und prompt werden wir mit der lausigsten Busfahrt während unserer gesamten Zeit in der Türkei bestraft. Trotz einer schon üppigen Verspätung gönnt sich der Busfahrer eine Tankpause, wodurch sich die einstündige Busfahrt am Ende um die Hälfte der geplanten Zeit verlängert.
Gaziantep
Zum Glück ist auf den folgenden Bus verlass, durch die um solide zehn Minuten verspätete Abfahrt schaffen wir den Anschluss gerade noch. Auch er hat es nicht eilig, kurz vor unserem Ziel hält er trotz reichlichem Verzug an einer Eisdiele am Straßenrand außerhalb der Stadt. Der gesamte Bus steigt aus und alle, ganz besonders die ganze Fahrer-Crew, decken sich mit Eis ein. Es scheint ein bisschen, als wäre der eine oder andere nur deshalb mitgefahren. Was solls, wir sind ja hauptsächlich wegen des berühmten Essens nach Gaziantep unterwegs, deshalb müssen wir auch hier probieren. Das stellt sich als eine gute Idee heraus, denn das Eis ist fantastisch. Die nächsten drei Tage (fr)essen wir uns durch die Speisekarten und versuchen so viele der Köstlichkeiten mitzunehmen, wie es nur geht. Heimlicher Favorit ist Beyran, eine Suppe mit Lammfleisch, die hier zum Frühstück gegessen wird. Gleich am ersten Morgen spazieren wir durch die Gassen im Wohnviertel der Stadt zu einer Beyran-Stube, die sich vollständig auf diese Mahlzeit spezialisiert hat. Auf dem Weg dorthin sehen wir immer wieder Folgen des Erdbebens von 2023 – Lücken zwischen den Häusern, Trümmerhaufen und Bauschutt. Die Stadt rafft sich auf, scheint aber noch nicht alles überwunden zu haben. Pistazien sind die Grundzutat in der Gaziantep-Küche: Im Baklava, auf Künefe, als Eis oder sogar zur koffeinfreien Kaffeevariante werden sie verarbeitet. Es gibt kein Entrinnen, uns gefällts 🙂
Auch die Kultur kommt in Antep, wie die Leute vor Ort sagen, nicht zu kurz. Wir besuchen einen angenehm untouristischen Markt und ein großartiges Mosaik-Museum, in dem gut erhaltene Mosaike aus der antiken Stadt Zeugma, die heute teilweise unter Wasser liegt, ausgestellt werden. Diese Stadt besuchen wir am nächsten Tag, als wir uns mit Sinan treffen, der uns mit seinem Auto an die Ausgrabungsstätte mit herrlichem Blick auf den Euphrat kutschiert. Mit Sinan haben wir uns über eine Couchsurfing-Plattform verabredet, er kommt eigentlich aus Ankara, ist aber für seine Arbeit bei einer großen NGO an der syrischen Grenze nach Gaziantep gezogen. Er erzählt uns mehr darüber, wie die Situation in der Grenzregion und ganz allgemein in der Türkei ist. Seine Lieblingslokale zählen ebenso zu unseren Ausflugszielen, so gehen wir zum Beispiel auf einen Çay zu Gölbüks, einer staatlich subventionierten Kaffeehauskette und einem Dessertrestaurat, spezialisiert auf Kadayıf. Sowohl der Magen als auch der Horizont sind erweitert – weiter geht’s!
Şanlıurfa
Der Südosten der Türkei gilt ja gemeinhin als konservativer. Während uns das in Gaziantep eher nicht so aufgefallen ist, spürt man das in Şanlıurfa deutlich. Überhaupt haben wir ein bisschen den Eindruck, wir hätten das Land gewechselt. Unser Zimmer bei Mehmet, einem Künstler aus der Stadt, befindet sich mitten in der Altstadt. Sein Haus mit Dachterasse teilt er nicht nur mit Reisenden, sondern auch mit jeder Menge Katzen. Er schätzt, dass es fünfzehn sind, so ganz sicher ist er sich da aber nicht. Die Altstadt kommt mir mehr wie eine Medina vor, wie man sich diese im Orient vorstellt, oder wie wir es schon aus Marokko kennen. Urfa (ja, auch hier ist der offizielle Name zu lang für den alltäglichen Gebrauch) hat kulinarisch bei uns nach der letzten Station natürlich einen schweren Stand. Trotzdem dürfen wir hier den vermutlich schönsten Restaurantbesuch in der Türkei genießen und bekommen im Anschluss vom deutsch-türkischen Besitzer noch eine kleine Führung mit ausgiebigem Schwatz. Vor allem aber kann man hier historisch in die Vollen gehen. Neben einer wunderschönen Altstadt und dem hervorragenden archäologischen Museum punktet Urfa für mich vor allem als Ausgangspunkt zu einem meiner heimlichen Highlights in der Türkei. Wir nehmen einen Dolmuş zu Göbekli Tepe, der aktuell ältesten bekannten Ausgrabungsstätte. Durch den Fund dieses Tempels hat sich der Blick auf die Geschichte grundlegend revolutioniert. Man geht heute davon aus, dass der Bau von Tempeln den Menschen erst dazu brachte, Ackerbau zu betreiben – und nicht umgekehrt. Glücklich wie ein kleiner Junge bestaune ich die Ausgrabungsstätte, auch die zugehörige Ausstellung gefällt uns gut.
Nachdem wir es uns jetzt zwei Wochen lang gut gehen ließen, wird’s mal wieder Zeit für ein bisschen Reise-Tortur: Wir entscheiden uns für den harten, aber direkten Weg und nehmen einen Nachtbus von der syrischen bis zur georgischen Grenze. Da uns der Grenzort Hopa überhaupt nicht sehenswert vorkommt, nehmen wir nach zwölf Stunden Fahrt spontan direkt den nächsten Bus. Nach weiteren fünf Stunden inklusive einem furchtbar gut organisierten Grenzübergang kommen wir in Kutaisi, Georgien, an.
Hoşça kal Türkei – schön war’s.

















