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Inseln unter der Mitternachtssonne

Senja

Die Fähre bringt uns von Tromsø auf die zweitgrößte norwegische Insel: Senja. Wir mieten uns in eine Hütte auf einem Campingplatz ein und genießen eine wunderschöne Bucht direkt vor unserer „Terrasse“. Zum ersten Mal, seit wir in Skandinavien unterwegs sind, stoßen wir an die Grenzen des ÖPNV – bei einer Bevölkerungsdichte von 5 Personen pro km² ist dieser auf Senja nicht sonderlich gut ausgebaut, was zu erwarten war. Was wir nicht erwartet haben: Die Busse fahren nicht nur selten, sondern je nach Wochentag unterschiedlich. Deshalb kommen wir an unserem ersten Tag nicht zur geplanten Wanderung, sondern müssen gezwungenermaßen einen faulen Tag einlegen und bei Rekordtemperaturen von 26°C unseren „Hausfjord“ voll auskosten und baden gehen. Zumindest tagsüber, denn abends weht schon wieder ein kühler Wind, schließlich sind wir weiterhin nördlich des Polarkreises.

Am nächsten Tag fahren die Busse wieder, und wir können die geplante Wanderung zum Segla nachholen, die sich als echtes Highlight herausstellt. Wieder spielt das Wetter mit, und so können wir bei Sonnenschein den Ausblick auf gleich mehrere Fjorde und Felsformationen genießen. Am letzten Tag entscheiden wir uns für einen Touristenbus, der uns über einen Umweg mit einigen spektakulären Stopps zur Fähre nach Andenes bringt.

Vesterålen

Unser nächster Stopp führt uns auf die Inselgruppe der Vesterålen, die – so wird zumindest oft behauptet – unberechtigterweise im Schatten ihrer berühmten Nachbarn, den Lofoten, steht. Andenes auf der Insel Andøya ist unser erster Halt, und wir freuen uns ganz besonders darauf, denn dieses Ziel hatten wir schon seit der Planung unserer Norwegenreise vor Augen. Die Gegend ist berühmt für ihre Walsafaris, die durch eine sehr hohe Trefferquote und den behutsamen Umgang mit den Tieren bekannt sind. Das Wetter ist im Gegensatz zur Vorhersage spitze, und so cruisen wir zu zwölft auf dem RIB-Boot raus aufs offene Meer. Schon kurz nach Abfahrt gibt’s die erste Sichtung: ein Zwergwal hat sich bei dem anderen Boot gezeigt; man sieht ihn nur ein paar Mal kurz auftauchen, bevor er sich wieder aus dem Staub macht. Wir fahren weiter – die Sonne und die Luft sind angenehm, das Meer ist ruhig, die Aussicht ist cool. Schon die Bootsfahrt selbst ist ein großer Spaß. Und dann treffen wir auf Grindwale. Sie tauchen links und rechts, hinter und vor uns auf. Sie schwimmen ruhig in unserer Nähe und scheinen sich nicht gestört zu fühlen. Fast eine Stunde lang können wir die Wale aus nächster Nähe beobachten; dazwischen fahren wir immer wieder wenige Minuten und halten dann an. Der deutsche Käpt’n und der holländische Guide machen ihre Sache gut und bemühen sich, die Tiere so wenig wie möglich zu stören. Nach gefühlten fünf Minuten klappe ich meinen Unterkiefer wieder nach oben, und wir machen uns auf den Rückweg.

Andenes, wenngleich einer der größeren Orte auf der Insel, ist sehr überschaubar, aber nett anzusehen. Am nächsten Tag machen wir uns mit dem Bus auf den Weg zum zweiten „Must-see“ der Insel, zum Strand Bleik mit Hausberg. Die Zeit zwischen den beiden Bussen, die uns zur Verfügung stehen, ist etwas zu knapp, um die ganze Wanderung zu machen, also wählen wir die verkürzte Variante. Die hat’s trotzdem in sich – es geht steil bergauf, aber die Aussicht ist den Aufwand absolut wert. Als wir pünktlich um 19 Uhr an der Bushaltestelle stehen, kommt der Bus nicht. Auch nicht um Viertel nach, und auch um halb nicht. Wir geben das Warten auf und machen uns auf den 10 km langen Rückweg zu Fuß und halten den Daumen raus. Glück gehabt: Nach ca. 5 Minuten nimmt uns ein italienisches Pärchen mit und setzt uns direkt vor der Haustür ab. Den letzten halben Tag nutzen wir noch, um die Ausstellung bei der Walsafari anzusehen. Hier gibt es jede Menge Infos und Skelette, unter anderem das eines Blauwals. Wir nehmen mit dem Bus über die Westseite der Insel eine Stunde Umweg in Kauf, da die Fahrt hier schöner sein soll. Zwar fehlt uns der Vergleich, die Landschaft auf dieser Seite ist auf jeden Fall äußerst sehenswert.

Unser nächster Stopp führt uns in die Hauptstadt der gleichnamigen Insel Sortland. Für den Ort haben wir uns hauptsächlich aus praktischen Gründen entschieden. Das Hotel ist in Ordnung, die Preise sind aufgrund der Hauptsaison natürlich überzogen, und das Frühstück wird nebenan in der Bowlingbahn serviert. Das Wetter spielt leider nicht so gut mit wie bisher. Wir machen einen Rundgang durch die Stadt, die – typisch norwegisch – einen Ausblick auf einen schönen Fjord und eine skurrile Attraktion bietet: Sortland hat eine Statue zu Ehren eines Stadtangestellten errichtet, der die Straßen immer sauber gehalten hat. Schön, dass auch die „kleinen Leute“ mal eine Statue bekommen. Einen weiteren Tag verbringen wir überwiegend mit Bürosachen – die Steuererklärung muss endlich fertig werden, und die nächsten Tage wollen geplant und gebucht werden.

Wir wagen es, nochmal eine Wanderung anzugehen; lediglich ein Bus fährt hin und einer zurück. Nach dem Erlebnis in Bleik ist mir ein bisschen mulmig bei dem Gedanken, mich auf den einzigen verfügbaren Bus zu verlassen, und bei über einer Stunde Fahrtzeit wäre Trampen nicht so lustig. Das Wetter ist gut, der Weg bergauf ist anstrengend, aber die Umgebung ist wieder fantastisch. Unterwegs sehen wir einen lustigen Vogel, der umherrennt und aufgeregt piept; erst nach einer Weile scheint er sich dann zum Fliegen überwinden zu können. Oben angekommen, ziehen Wolken auf, und wir müssen sie also durchqueren. Es geht ein kalter Wind, und obwohl es nicht regnet, sind wir bald nass. So hat man leider auch wenig von der Wanderung, und es ist etwas anstrengend. Je weiter wir nach unten kommen, desto mehr kann man sehen. Wir machen an einem schönen Strand einen Stopp und schaffen es rechtzeitig vor der Abfahrt des Busses, wieder am Ausgangsort zu sein. Ich bin erleichtert.


Unser letzter Stopp auf den Vesterålen führt uns nach Stokmarknes, da wir hier am nächsten Tag mit den bekannten Hurtigruten auf die Lofoten wollen. Bevor wir aber mit dem Schiff aufs Wasser gehen, sehen wir uns zuerst mal eines im Hurtigruten-Museum an, das sich direkt neben unserem Hotel befindet. Auch wenn sich das Thema im ersten Moment nicht unbedingt wie das spannendste der Welt anhört, war das Museum doch gut gemacht und kurzweilig. Da das Wetter mies ist, hängen wir hier den gesamten Nachmittag ab, bevor wir am nächsten Morgen mit der MS Nordkapp Richtung Svolvær schippern. Auch das war wieder eine eher pragmatische Entscheidung, da diese Verbindung in vielerlei Hinsicht die beste war. Trotzdem macht es Spaß, mal für ein paar Stunden auf so einem großen Schiff edel Rentier und Forelle zu speisen 🧐 und einen kleinen Abstecher durch den Trollfjord zu machen.

Lofoten

Jetzt sind wir da, am Ziel der Ziele, den schönsten Inseln Norwegens, ach was, der Welt! So zumindest werden die Lofoten in etlichen Blogs und Reiseführern angepriesen – nicht die erste Superlative auf unserer Reise, und oft folgt darauf die Ernüchterung. Auf den Lofoten haben wir erstmals einen Mietwagen, mit dem wir zwei Tage lang mehrere Inseln unsicher machen werden. Wir kommen in einem kleinen Örtchen namens Kabelvåg unter. Das Hotel ist tatsächlich eine Schule, die in der touristischen Hochsaison zur Unterkunft umfunktioniert wird – ein cleveres Modell, typisch norwegisch.

Glücklicherweise habe ich mich getäuscht – die Lofoten sind wirklich wunderschön anzusehen! Auf unserem Roadtrip sehen wir karibische Strände, Dörfchen wie aus dem Bilderbuch, mystische Berge, unternehmen eine kurze, aber anstrengende Wanderung, und als wir uns mal wieder gegen sämtliche inneren Schweinehunde durchsetzen, sehen wir die bisher schönste Mitternachtssonne unseres Lebens.

Welche der Inseln ist denn jetzt am besten? Das kann man so nicht direkt beantworten. Senja hat uns mit ihrer wilden Landschaft und der Ruhe umgehauen. Die Vesterålen sind wunderschön anzusehen und bieten vermutlich die meisten spannenden Aktivitäten, und die Lofoten sind stellenweise kaum zu fassen, allerdings im Sommer natürlich sehr frequentiert und teuer. Unsere Empfehlung: Nehmt euch ein Auto und klappert am besten gleich alle Inseln ab, wenn ihr schon einmal so weit gereist seid.

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