Auf nach Hause! (mal kurz)
Helsinki
Nein, Finnland gehört nicht zu Skandinavien. Gewusst? Bravo, wir nicht. Sind wir also wieder ein bisschen schlauer geworden. Aus diesem Grund landet dieser Beitrag auch nicht unter der Rubrik “Skandinavien”. Diese hätten wir im Nachhinein eigentlich auch mit “Norwegen” betiteln können, denn am Ende waren wir fünfzehn Wochen in Skandinavien, und davon nicht einmal zwei Wochen außerhalb von Norwegen unterwegs. Somit fällt es uns nicht ganz leicht in den Zug von Oslo nach Stockholm zu steigen, wo wir in die Fähre Richtung Helsinki umsteigen. Die Fährfahrt geht über Nacht und ist deutlich günstiger als der Nachtzug in Schweden, trotzdem wesentlich komfortabler, mit eigener Kabine mit Bad. Wieder eine Schiffsfahrt – voller Vorfreude sehe ich uns im Alter cocktailschlürfend auf einem Kreuzfahrtschiff – ein Traum!
Helsinki empfängt uns mit freundlichem Wetter und erfreulicherweise niedrigeren Preisen im Supermarkt als in Norwegen, somit sind wir direkt ganz angetan von der Stadt. Wir machen eine Free Walking Tour mit einem irischen Expat, der uns viel über die Geschichte der Stadt erklärt, und woher es kommt, dass die Dinge hier etwas anders laufen als anderswo. Zum Beispiel machen wir Halt an einem Luftschutzbunker, mitten in der Stadt. Von außen ist er kaum als solcher erkennbar, denn er wird im täglichen Betrieb als Fitnessstudio genutzt – eine smarte Lösung der Finnen, um im Ernstfall vorbereitet zu sein. Die Stadt gefällt uns gut, und da wir zwischenzeitlich auch aus praktischen Gründen gerne Bibliotheken aufsuchen, sind wir von dieser hier besonders beeindruckt. Vom Spielzimmer mit Playstation, über ein Tonstudio mit Equipment und Instrumenten bis hin zur Küche steht den Einwohnern alles kostenlos zur Verfügung – das Ganze verpackt in einem hochmodernen Gebäude. Auch die Bierpreise ähneln, wenn man im richtigen Viertel unterwegs ist, eher wieder den von zu Hause gewohnten. Somit ziehen wir abends ein bisschen durch die Kneipen, wo ich mich freue und Bier trinke, und Klara sich freut, dass ich mich freue.
Zufrieden und auch ein bisschen beeindruckt von Helsinki machen wir uns auf zur nächsten Fähre, dieses mal über die Ostsee – es geht nach Tallinn!



Estland
Tallinn kommt ein bisschen Schizophren daher: Eine hübsche, top in Schuss gehaltene Altstadt und jede Menge moderne Gebäude. Und Trotz der moderaten Größe mit rund 450.000 Einwohnern tritt doch schon ein gewisses Großstadtflair auf. Wir erkunden die Altstadt, erkunden unser Viertel – wir stellen fest, dass wir im hippen Kalamaja untergekommen sind – und verbringen fast einen ganzen Tag im Maritimen Museum. Dann gönnen wir uns seit langem mal wieder einen Mietwagen und machen uns zu einer (sehr) kleinen Estland Rundfahrt auf.





Wir wandern im Moor, besichtigen eine alte Burgruine und die “zwei nüchternen Bergleute” – ein Arbeitermonument aus der Sowjetzeit – und landen schließlich durchgefroren in Narva. Hier ist ein Großteil der russischen Minderheit der estnischen Bevölkerung zu Hause und nur ein Fluss trennt das Gebiet vom ungleich größeren Nachbarn im Osten. Nach einer Nacht in einer Chruschtschowka spazieren wir morgens durch den Ort, schauen uns die beiden Schlösser an und können bis rüber nach Russland sehen. Die Grenze ist für Autofahrer gesperrt, ein paar Fußgänger sieht man von in die eine oder andere Richtung spazieren. Man liest, dass viele Bürger skeptisch sind und befürchten, dass eines Tages russische Soldaten über die Brücke marschieren könnten. Eine genaue Stimmungslage können wir bei unserem kurzen Besuch natürlich nicht festtellen, am frühen Morgen wirkt alles ruhig und friedlich.
Wir müssen dann auch schon weiter, denn auf uns wartet ein zotteliges Vergnügen. Irgendwo im Wald mieten wir uns in einer Wild-Beobachtungshütte ein. Es gilt: Ruhig verhalten und bei Dunkelheit die Helligkeit vom Display herunterstellen, sonst sehen uns die Tiere durch die Scheiben. Auch wenn es keine Erfolgsgarantie gibt, sind wir doch zuversichtlich einen Bären oder andere Wildtiere zu sehen. Der Wald lässt sich nicht lumpen und schon Nachmittags tauchen die estnischen Kollegen von Winnie Puh auf und scheinen sich prächtig wohlzufühlen. Unbemerkt von unseren offenen Mündern tummeln sich abwechselnd eine Bärenmama mit vier Jungtieren und ein einzelner, vermutlich männlicher Bär in unserem Sichtfeld. Auch etliche Marderhunde sind unterwegs. Sie streiten sich, begleitet von lauten, sehr lustigen Geräuschen, um gefundenes Fressen und flüchten in Scharen, wenn ein Bär eine falsche Bewegung macht.







Riga & Vilnius
Die Zeit läuft uns davon, denn wir sind mit einem Interrail Ticket unterwegs, das nur für 30 Tage gültig ist und haben noch einiges an Strecke vor uns. Deshalb werden unsere Stopps jetzt kürzer. Wir lassen Estland hinter uns und fahren mit den überraschend komfortablen Bussen bis nach Riga und danach bis nach Vilnius. In beiden Städten bleiben wir jeweils zwei Nächte und haben somit nur einen Tag, uns die Stadt anzusehen. Leider ist das Wetter im Baltikum zu dieser Zeit ziemlich eklig, die Städte sind trotzdem absolut sehenswert – ich würde nur den Oktober nicht unbedingt als Reisemonat empfehlen. Das Bisschen, was wir vom Baltikum gesehen haben, hinterlässt bei mir einen sehr positiven Eindruck. Mein Gefühl ist, dass die Leute pro europäisch eingestellt sind. Die Städte sind modern, die Infrastruktur gut und die Gegend aufgrund ihrer wechselhaften Vergangenheit sehr geschichtsträchtig und interessant zu sehen. Besucht das Baltikum! 🙂







Krakau
Nach einer mühsamen, dreizehn stündigen Anreise können wir endlich mal wieder eine Stadt besichtigen, ohne uns den Allerwertesten abzufrieren. In Krakau scheint die Sonne, was besonders der wunderschönen Altstadt gut zu Gesicht steht. Hier schauen wir uns ausgiebig um und klappern das jüdische Viertel ab. Danach gönnen wir uns in einem Lokal mit polnischer Küche das beste Abendessen seit langem. Nach Krakau hat uns neben der Lage auf unserem Heimweg noch eine besondere Station gelockt. Wir wollen die Gedenkstätte in Auschwitz besuchen. Wir reisen ja gerne spontan und buchen deshalb nix vor. Darum haben wir auch keine Onlinetickets mehr erhalten und müssen sehr früh hin, um in der Schlange zu stehen und auf unser Glück zu hoffen. Um 5 Uhr klingelt der Wecker und um 7:30Uhr stehen wir in einer langen Schlange, bei eisigen 3 °C. Als wir um 8:30Uhr dran sind, können wir zwei Tickets für eine Tour auf Deutsch bekommen, noch während wir bezahlen hören wir vom Schalter nebenan, dass die Tour ausgebucht sei. Verdammt knapp, viel Glück gehabt 🙂 Allerdings haben wir jetzt auch über fünf stunden Zeit hinter uns zu bringen, bis die Tour losgeht. Da wir immer etwas zu planen und überlegen haben, sind auch fünf Stunden schnell rum und die Besichtigung startet. Für die nächsten Stunden werden wir durch die Gedenkstätte geführt. Wir gehen in der Gruppe durch das Lager, sehen die Baracken, in denen die Häftlinge unter furchtbaren Bedingungen gelebt haben. Wir sehen Bilder und Videos aus der Zeit, Überbleibsel wie Gepäckstücke, Brillen und abrasierte Haare. Mich erinnert die Situation auf makabere Weise an meinen Job. Mit deutscher Präzision wurde der Ablauf durchgeplant und getaktet, um möglichst effizient zu sein. Was nicht vorstellbar ist – es geht hierbei nicht um Werkstücke in der Produktion, sondern um Menschen, die getötet werden sollen. Wie man jemanden dazu bringen kann, so zu handeln geht mir nicht in den Kopf. Wie man so handeln kann, geht mir auch nicht in den Kopf. Es ist schwer zu ertragen.







Abends um acht haben wir immer noch nicht genug von Kultur in Krakau – dieses Mal die Kultur der schöneren Art. Ich kann nicht aus Polen abreisen, ohne den hochgelobten Wodka probiert zu haben. Danach bleibt uns nur noch ein Zwischenstopp in Prag, bevor wir für einen Abstecher nach Hause fahren. Na zdrowie!
