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Hoşgeldiniz in Asien

Fethiye
Wir freuen uns beim Schritt von der Fähre, endlich einen Fuß auf asiatischen Boden zu setzen. Nach so langer Zeit mal wieder ein neuer Kontinent – das wird sich vermutlich so schnell auch nicht ändern 😉 Wir gönnen uns einen Tag in Fethiye, um uns in der Türkei zu akklimatisieren. Die Stadt ist nett anzusehen, es gibt eine kleine Altstadt und ein paar Felsengräber, in der Saison soll sie aber von britischen Expats und Touristen überlaufen sein. Wir kommen in ersten Kontakt mit dem “Wildlife” in der Türkei – neben einer Katze, die Klara im Hostel probiert das Frühstück von der Gabel zu fischen treffen wir auf zwei freundliche Wildschweine, die den Müll der Anwohner durchwühlen. Sie erinnern mich ein bisschen an uns beide, wenn mal wieder durch die Gassen ziehen und nach etwas essbarem suchen. Außerdem sieht mir das Männchen ein bisschen ähnlich. Das Wetter hat sich seit Rhodos gehalten und soll auch die nächsten Tage so bleiben, deshalb schnüren wir unsere nicht vorhandenen Wanderstiefel und machen uns für einige Tage mit kleinem Gepäck auf den Weg. Unsere Reiserucksäcke dürfen wir im Hostel abstellen.

Der Lykische Weg
…ist eine etwa 540 Kilometer lange Wanderroute an der türkischen Mittelmeerküste, die durch antike Ruinen, türkisblaue Buchten und spektakuläre Berglandschaften führt. Die Route verbindet traditionelle Dörfer und verlassene archäologische Stätten und gilt als einer der schönsten Fernwanderwege der Welt. Zwar wollen wir keine 540km wandern, haben uns aber einen schönen Abschnitt ausgesucht, den wir in rund einer Woche begehen wollen. Unsere erste Etappe führt uns durch Gestrüpp und Wald nach Kayaköy – eine Ruinenstadt, die aufgrund des Bevölkerungs-Austausches zwischen Griechenland und der Türkei 1923 plötzlich verlassen war. Die faszinierende “Geisterstadt” macht ihrem Namen alle Ehre, denn bis auf eine Film-wütige Dame mit professionellem Kameraequipment sind wir die einzigen Besucher. Wir machen einen kurzen Stopp für einen Snack und setzen unseren Weg dann bis Ölüdeniz fort. Dort steuern wir einen Campingplatz direkt am Start des lykischen Wegs an, auch hier sind wir die einzigen Gäste – Nebensaison lässt grüßen. Auch wenn das Wetter spitze ist, wird es früh dunkel und kühlt in der Nacht extrem ab. Der Ort selbst erinnert uns ein bisschen an Kayaköy, denn auch hier ist nicht viel los, allerdings nur im Moment. Beim Abendessen bekommen wir zu spüren, dass, wie man sich so erzählt, die Gegend fest in der Hand von englischen Rentnern sein soll. So genießen wir unseren Kebab zwischen Pint-stürzenden Briten und machen uns auf schnellstem Weg zurück in unseren Bungalow. Erster Tag geschafft.

Von Ölüdeniz aus beginnt die erste offizielle Etappe des lykischen Wegs. Die nächsten drei Tage haben es in sich. Nicht unbedingt körperlich – die Wanderungen empfinden wir eher als mittelschwer – sondern vor allem landschaftlich. Wir wandern mit Blick auf die berühmte Bucht von Ölüdeniz, wo wir viele Paraglider bei ihrem Flug beobachten können. Aus ihren Lautsprechern klingen Songs von AnnenMayKantereit – die Almans sind also auch hier vertreten, sogar in der Luft. Wir wandern durch abwechslungsreiche Landschaften, besonders die Aussicht auf die Strände ist ein Traum, aber auch sonst ist alles schön anzusehen. Der Weg führt uns durch einen dschungelartigen Wald, vorbei an Wasserfällen, über felsige Hügel und Schotterpisten, durch ein Blumenmeer, vorbei an Ziegen, Schildkröten und – wo auch immer etwas zu Essen in der Nähe ist – Katzen. Auch dem einen oder anderen Hund begegnen wir, manchmal in Begleitung einer Herde von Schafen und Ziegen, manchmal auch einfach so. In den seltensten Fällen interessieren sie sich für uns, und wenn doch sind sie freundlich.

Anderen Menschen begegnen wir selten, richtig losgehen soll es hier erst so gegen April. Das bringt es mit sich, dass wir jeden Tag erst im Laufe des Tages die Unterkunft für die Nacht festlegen können – was uns wiederum die Möglichkeit beschert, die Länge der Etappe halbwegs flexibel halten zu können. Der Nachteil daran ist, dass viele Unterkünfte noch geschlossen haben. Die typische Booking Plattform, die wir häufig verwenden, steht im Clinch mit der Türkei und funktioniert nur eingeschränkt. Hier läuft das noch ein bisschen wie früher – man findet eine Telefonnummer heraus und kontaktiert den Betreiber (sofern man in den Bergen Empfang hat) oder klopft direkt an die Tür, einigt sich auf den Preis und freut sich über ein authentisches Abendessen in netter Gesellschaft 🙂 Unsere Lieblingsunterkunft ist wahrscheinlich in dem kleinen 25 Einwohner-Örtchen Bel, in Fatmas Pansiyon. Es ist Ramadan, Fatma kocht uns deshalb nach Einbruch der Dunkelheit ein schönes, türkisches Abendessen, knackt für uns Nüsse und kocht uns Çay. (Hier ein kurzer Türkisch-Exkurs: Das “ş” wird wie “sch” und das “ç” wie “tsch” ausgesprochen.) Trotz ihres fortgeschrittenen Alters ist Fatma technisch auf dem Laufenden und so können wir uns dank Übersetzer-App ein bisschen mit ihr unterhalten.

Unsere vierte Tagesetappe endet in Pydnai, einer Ruine, die gleichzeitig den Start des rund 18km langen Partara Beachs markiert. Von hier aus fragen wir uns durch zum Dolmuş in den nächsten Ort, von wo aus wir den Bus nach Kaş nehmen wollen. Die Wanderung dorthin soll überwiegend auf Asphalt und zwischen dem in dieser Gegend errichteten Meer aus Tomatengewächshäusern verlaufen, worauf wir keine Lust haben. Vom Dolmuş aus müssen wir nur noch ein paar hundert Meter zum Busbahnhof laufen, wo uns ein Bus nach Kaş bringen kann. Scheinbar fährt in ein paar Minuten schon einer, wir gehen zügig. Im Ort gibt es einige Hunde, nichts Überraschendes. Einer ist recht aggressiv, läuft auf uns zu und bellt, bevor ich irgendwie reagieren kann, hat er mich in den Hintern gebissen. Schöne Scheiße. Es fängt an zu bluten, den Bus haben wir verpasst, aber ein anderer soll in einer Stunde fahren. Es gibt hier keinen Arzt, in der Apotheke sagt man mir, ich solle die Wunde waschen. Klara holt mir eine Flasche Wasser im Supermarkt. Auf einer abgeranzten Stehtoilette in einem Döner Wasche ich mit der Flasche und Seife, die ich glücklicherweise im Rucksack habe, die Bisswunde. Der Bus kommt und lässt mich freundlicherweise am staatlichen Krankenhaus raus. Ich komme schnell dran, der Arzt und die gefühlten 25 Helferinnen sind nett und ein paar können sogar ein bisschen Englisch. Sie machen Jod auf die Wunde, ungefragt bekomme ich eine Tollwut Impfung und Antibiotika verschrieben.

Nach diesem tierischen Erlebnis müssen wir uns erstmal ein bisschen neu orientieren, weshalb wir unsere Unterkunft in Kaş für ein paar Nächte verlängern. Glücklicherweise eignet sich Kaş ganz hervorragend für diese kurze Pause – es ist ein hübsches Städtchen direkt am Meer, es gibt alles was man braucht und trotz dem hier in der Saison wohl vorherrschenden Tourismus, hat es sich etwas Charme erhalten. Wir schmieden den Plan für die nächsten Tage, holen unser Gepäck aus Fethiye nach, und machen uns Ready für die nächsten Etappen. Das Reisen in der Türkei mit dem ÖPNV ist komfortabel und günstig, manchmal aber auch Zeit- und Nervenaufreibend, da man häufig nicht so genau weiß, wo und wann genau die Minibusse abfahren. So müssen wir nach unserer heutigen Busfahrt nach Kumluca viel zu lange auf den nächsten Dolmuş warten. Schließlich kommen wir abends aber doch in Karaöz in einer Pansiyon an, wo wir wieder herzlich begrüßt, und im Wohnzimmer der Familie mit einem leckeren Abendessen versorgt werden. Von hier aus starten wir den zweiten Abschnitt unserer Wanderung nach Adrasan. Da ich auf Antibiotika unterwegs bin, erlauben wir uns die ersten paar, uninteressanten Kilometer zu überbrücken indem wir bei einer jungen, russischen Familie mitfahren. Die nächste Etappe führt uns wieder entlang der Berge vorbei am angeblichen Highlight dieser Gegend, dem Leuchtturm von Gelidonya – wobei ich der Meinung bin, dass die Küste selbst das Highlight ist – und am nächsten Tag weiter über einen wesentlich steileren Weg nach Çıralı. Dieser Abschnitt führt ganz offiziell durch ein Loch im Zaun in die Ruinenstadt Olympus. Diese ist besonders aufgrund ihrer malerischen Lage direkt am Strand absolut sehenswert, wir schauen uns ein bisschen um und laufen dann am gefühlt endlosen Strand von Cirali vorbei zu unserem Bungalow. Hier wartet am nächsten Morgen das nächste Highlight auf uns, noch vor dem Frühstück nehmen wir ein paar zusätzliche km Weg auf uns, um die faszinierenden Feuer von Chimaira zu sehen. Auch hier entgehen wir wieder dem Eintritt, da sich um diese Uhrzeit niemand am Eingang befindet, und die Drehkreuze auf Durchgang geschaltet sind. Unsere letzte Tagesetappe führt uns fast überwiegend an der Küste entlang, die buchten und Strände sind noch traumhafter als auf den bisherigen Stationen. Wir machen trink- und snackstops an schönen Aussichtspunkten und an Stränden, an denen wir die Orangen und Mandarinen vertilgen, die wir in den Unterkünften geschenkt bekommen haben. An einem der letzten Strände nutzen wir endlich die Badesachen, die wir die ganze Zeit mit uns rumschleppen und schwimmen kurz im eiskalten Mittelmeer. Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so klares Wasser im Meer gesehen habe. Das letzte Stück des Abschnitts ist etwas mühsam, es geht hoch und runter auf Schotter und als wir uns der Stadt nähern kann man schon von weitem die Bettenburgen entdecken. Wir kennen das schon von anderen Zwischenstopps auf unserer Wanderung: Es ist Nebensaison, viel an dem Ort ist auf Tourismus ausgerichtet, es wird gebaut und vieles ist geschlossen. Tekirova ist aber eine andere Hausnummer. Zum ersten Mal kommt die hässliche Seite des Tourismus klarer ans Licht: Neben den Luxushotels liegt Bauschutt, weil renoviert wird, Straßenhunde in den Hinterhöfen. Zwei freundliche ältere Herren erklären uns in fließendem, akzentfreiem Deutsch den Weg zur Bushaltestelle, wir entschließen uns spontan heute noch zurück nach Kaş zu unserem Gepäck zu fahren und von dort aus am nächsten Tag den Bus nach Antalya zu nehmen. Schön wars, auf dem lykischen Weg. Wunderschön sogar. 

Antalya
Antalya habe ich mir schlimmer vorgestellt, nach allem was ich die letzten Tage vor der Ankunft darüber gelesen habe. Es sei so sehr touristisch, nur Shops für billige Imitate und so weiter. Nach einigen Tagen hier kann ich sagen: es gibt deutlich schlimmere Orte. Es hat eine hübsche Altstadt mit Hafen, kann man vielleicht mit Rhodos vergleichen, wenn auch die Altstadt selbst kleiner ist. Es ist touristisch, es gibt viele Hotels und touristische Eisverkäufer die wie die Marktschreier rumplärren und Tourenanbieter, die einen sofort ansprechen, wenn man stehen bleibt – alles halb so wild. Außerdem gilt wie immer: Nur weil ein Ort touristisch ist, muss er nicht unauthentisch und überteuert sein. Ausgerechnet hier verlaufen wir uns in den Seitensträßchen und lernen die vermutlich beste Einkehrmöglichkeit in der Türkei kennen, nämlich die Lokantas. Hier wird Hausmannskost zu günstigen Preisen in einer Kantinen ähnlichen Umgebug zubereitet. Und diese hier ist so günstig, dass wir uns zwischendrin (ernsthaft!) fragen, ob wir in einer Art Suppenküche gelandet sind. Preis-Leistungs-Verhältnis: unschlagbar. Nach den vielen Tagen in der Natur und kleinen Örtchen sind wir wieder empfänglich für einige Tage in einem größeren Ort. Wir schauen uns die Altstadt an, chillen am Hafen und blicken auf die wunderschöne Bucht. Wir wollen uns mal wieder eine historische Stätte anschauen – Termessos – welche sich ganz in der Nähe von Antalya befindet. Die Anreise ist ein bisschen kompliziert, wir müssen hin und zurück ein Stück trampen. Hoch nimmt uns eine rumänische Familie mit, die nicht verstehen, warum die Touristen aus Deutschland kein eigenes Auto haben. Runter zwei junge Türken, für die das Trampen selbstverständlich ist und die hier in der Gegend wohnen, es aber bisher noch nie nach Termessos oder nach Istanbul geschafft haben. Die Stätte ist traumhaft zwischen den Bergen gelegen, viel davon ist kaputt aber es ist ein Relikt zum Anfassen, ja sogar zum Begehen. Historische Stelen mit Inschriften, die anderswo in Museen ausgestellt wären, liegen hier einfach so auf dem Boden rum. Wir steigen über die Trümmer bis ganz an den Rand des Berges und haben eine fantastische Aussicht, nur für uns. Unser nächster Stopp auf der Reise soll wieder mal ein workaway sein, leider verschieben unsere Hosts wegen dem jetzt beginnenden schlechten Wetter unseren Aufenthalt um ein paar Tage. So kommt es, dass wir das Wochenendes des Eid al-Fitr in Antalya verbringen. Leider schüttet es aus Eimern, und auch sonst sieht man als außenstehender nicht viel von den Festivitäten – nach allem, was wir in Erfahrung bringen können, spielen sich die Festivitäten eher zuhause im Rahmen der Familie ab. Das schlechte Wetter nutzen wir, um unseren Lern- und Planungsrückstand aufzuholen. Kaffee- und teeschlürfend beobachten wir nebenbei, wie eine ganze Mannschaft Hotelangestellter versucht eine riesige Ratte zu fangen. Jetzt freuen wir uns erstmal darauf, uns die Hände bald wieder schmutzig machen zu dürfen.

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