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Die zwei Täler

Einer meiner Lieblingsstopps: das Dadestal im Atlasgebirge. Bevor uns zwei Taxis dorthin bringen, verbringen wir ein paar Tage im Reich der Kasbahs und Palmenoasen, Skoura. Wie bei jedem Stopp in Marokko erleben wir wieder einen kompletten Szenenwechsel. Es ist trocken, wüstenartig, überall sieht man Häuser aus Lehm – mal einfache Wohngebäude, mal Festungen, die Kasbahs. Palmen so weit das Auge reicht und die schneebedeckten Berge des Hohen Atlas im Hintergrund. Eine außergewöhnliche Szenerie. Das dachten sich wahrscheinlich auch die Filmstudios – einige davon findet man 45 km entfernt in Ouarzazate. Wir unternehmen ein paar Wanderungen durch die Palmenwälder zu den nahegelegenen Kasbahs und genießen leckeres Essen sowie einige Liter marokkanischen Tee mit Datteln und Erdnüssen in unserer Unterkunft aufs Haus. Der marokkanische Tee ist grüner Tee, der lange ziehen sollte und dann mit Minze und viel Zucker verfeinert wird. Er muss aus einer Silberkanne mit weitem Abstand zum Teeglas ausgeschenkt werden, sodass sich Bläschen bilden. So gekonnt wie bei den Einheimischen sieht es bei uns nicht aus, aber es klappt – und es geht auch fast nichts daneben.

100 km weiter und die Landschaft ist wieder eine völlig andere: bizarre Felsformationen aus rotem Sand im Kontrast zum satten Grün der Bäume – Aït Oudinar im Dadestal. Wir übernachten bei Youssef und seiner Familie in einem wunderschönen, traditionellen Haus. Am nächsten Tag unternehmen wir eine lange Wanderung zu den Monkey Fingers – einer riesigen roten Felswand, die optisch an ganz viele nebeneinanderliegende Hände erinnert. Auf einer Lichtung laufen wir an einem Zelt vorbei. Ein Weizenbauer bietet hier Tee mit Snacks an. Diesmal enthält der Tee Thymian statt Minze – sehr lecker. Wir sitzen zusammen, trinken Tee und staunen über die schöne Umgebung. Danach geht es tief in eine enge, etwa 2 km lange Schlucht. Raus aus der Schlucht laufen wir noch eine Weile am Fluss entlang, vorbei an Mandel-, Aprikosen- und Pfirsichbäumen. Am Abend kocht unser Gastgeber ein köstliches Essen. Abendessen gibt es nie vor 20 Uhr – die Uhren ticken anders in Marokko. Die Menschen stehen spät auf und gehen spät ins Bett. Viele Läden machen erst abends auf, und die Straßen werden erst dann richtig lebendig. Frühstücken vor 9 Uhr ist fast unmöglich, dafür kann man noch um 23 Uhr (wahrscheinlich auch später) Abendessen. Im Dadestal kommt man mit dem kommunalen Taxi sehr günstig von A nach B – das ist Carsharing auf marokkanische Art. Mit viel Kuschelfaktor passen bis zu acht Personen (ohne Fahrer) hinein. Man kann mit den Mitfahrenden in eine hitzige Diskussion verfallen oder aber ein Nickerchen machen – je nachdem, was man gerade braucht.

Bevor es ins zweite Tal geht, verbringen wir ein paar Tage in Marrakesch, der roten Stadt im Zentrum des Landes. Die rote Stadt – weil viele der Mauern in der Medina rot gestrichen sind. Marrakesch gab Marokko seinen Landesnamen und zählt neben Fes, Meknes und Rabat zu den vier Königsstädten. Das bedeutet, sie war im Verlauf der Geschichte Landeshauptstadt – aktuell ist es Rabat. Marrakesch überrascht uns. Eine Millionenstadt haben wir uns irgendwie dreckiger, hektischer und karger vorgestellt. Stattdessen begrüßt uns die rote Stadt blühend und ganz in ein grünes Gewand gehüllt. Es gibt viele Gärten in Marrakesch, für die prachtvollsten zahlt man bis zu 15 € Eintritt. Es ist fast unvorstellbar, dass hier einst nichts als trockene Wüste war – wie wir bei einer Free-Walking-Tour erfahren. Viele Jahre und Leben hat der Bau der Bewässerungs- anlage gekostet, bei der man kilometerlang Rohre zwischen der Stadt und dem Atlasgebirge verlegt hat. Am zweiten Abend in der Stadt beeilen wir uns, um den Sonnenuntergang von einem der begehrten Cafés rund um den Djemaa el Fna zu sehen. Der Djemaa el Fna ist ein zentraler Marktplatz, der 1922 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Am Tag fragt man sich tatsächlich, warum, doch am Abend wandelt sich der Platz, wird lebendig. Ein wilder Mix aus Schlangenbeschwörern, Geschichtenerzählern, Hennakünstlerinnen, Musikern, Essensständen und Besuchern. Wir beobachten das Treiben zunächst von oben und tauchen nach Sonnenuntergang ein, um die Atmosphäre aufzunehmen. In Marrakesch nutzen wir auch endlich die Gelegenheit und essen das traditionelle Couscous, das es typischerweise freitags gibt. Dafür entscheiden wir uns für einen Straßenstand mitten in der Medina, wo eine ältere Frau uns eine riesige Portion auftischt. Immer wieder beobachten wir, dass Menschen sich eine Familienportion Couscous an dem Stand holen und nach Hause mitnehmen. Zum Couscous gibt es Zwiebeln, Zucchini, Karotten, Hähnchenkeule und -leber und eine reichhaltige Soße. Wir sind pappsatt und brauchen an diesem Tag kein Abendessen mehr. Am Nachmittag besuchen wir eine ehemalige Koranschule, die Medersa Ben Youssef, die im 14. Jahrhundert gegründet wurde. Das Gebäude besteht hauptsächlich aus vielen Zimmern und einem großen Innenhof mit Wasserbecken. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie die Schüler gelebt und gelernt haben. In einem kleinen Saal wird ein Video von den Restaurierungsarbeiten gezeigt. Es sieht sehr aufwendig und zeitintensiv aus. Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen. Auch wenn wir nichts kaufen oder mitnehmen können, machen wir einen ausgiebigen Bummel durch Marrakech’s Medina. Die Auswahl ist riesig, nur die Roller die sich immer wieder durch die Menschenmenge zwängen sind echt nervig.

Wir sind nicht ganz sicher, ob wir den Weg ins Aït Bougmez, das Tal der Glücklichen, tatsächlich auf uns nehmen sollten. Es fährt kein CTM oder Supratours dorthin, und andere Busgesellschaften findet man nicht online. Im Reiseführer und anderen Blogs stehen Möglichkeiten, die wir so aber nicht in Marrakesch finden. Schließlich informieren wir uns einen Tag vor der Abreise am Busbahnhof. Es fährt schon mal ein Bus, und wir wissen den Preis und die Abfahrtszeit. Am nächsten Morgen sind wir gut ausgeschlafen, aber immer noch nicht wirklich entschlossen. Am Ende des Tages kommen wir mit dem Grand-Taxi, mit langem Zwischenstopp in Azilal, im Tal an. Vor dem Abendessen spazieren wir noch zu einem Aussichtspunkt – ein alter Speicher, den man strategisch auf einem hohen Hügel gebaut hat. Die Aussicht ist atemberaubend. Hohe, kahle Berge umranden das grüne Tal. Die lange Anfahrt hat sich gelohnt. Bei einem Abendessen in unserer Unterkunft lernen wir Andy kennen – einen englischen Gärtner, der sich vor einigen Wochen auf eine Wanderung von 1.200 km gemacht hat, um den Hohen Atlas zu überqueren. Heute, hier und jetzt ist er am Ziel angekommen. Was für ein Abenteuer! Wir haben das Glück, dass Andy uns ein paar Geschichten über seine Reise und sein Leben erzählt. Sein Sprechstil ist ein Mix aus Höflichkeit und Derbheit – typisch britisch und zum Totlachen. Unser Gastgeber und sein Vater sind Wanderführer und empfehlen uns für den nächsten Tag nach langem Hin und Her eine leichte Wanderung durch eine Schlucht. Irgendwie trauen sie uns etwas Schwierigeres nicht zu oder wollen das Risiko nicht eingehen, uns in die Berge zu schicken. Ein junges marokkanisches Paar aus Casablanca, das hier Urlaub macht, nimmt uns mit zur Schlucht. Wider Erwarten gibt es keinen trockenen Wanderweg. Die letzten Tage hat es nach einer langen Trockenzeit wieder geregnet, und man muss sich die Schlucht mit dem Wasser teilen. Die beiden gehen entschlossen voran, und wir folgen zunächst barfuß und dann doch mit Schuhen durchs Wasser. Barfuß auf den Steinen zu laufen ist schmerzhaft, aber wir haben nur dieses Paar Schuhe für die ganze Reise. Der Schmerz gewinnt. An diesem Tag bekommen wir einen kleinen Einblick in ihr Leben. So erzählen sie zum Beispiel, dass es bis zu fünf Jahre dauern kann, bis man hier nach dem Studium einen Job bekommt und dass es nicht üblich ist, Urlaub zu machen, so wie wir es kennen. Wenn man reist, dann um die Familie zu besuchen. Wir erfahren, dass man ins Gefängnis kommen kann, wenn man während des Ramadan vor Sonnenuntergang isst, und dass man für moderne Ansichten, insbesondere als Frau, sehr viel Gegenwind von Familie und Gesellschaft bekommt. Wieso es das Tal der Glücklichen heißt, haben wir nicht herausgefunden, aber wir haben interessante Menschen getroffen und eine wunderschöne Landschaft erlebt.

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