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Kurz mal nach Tadschikistan

Nach dem glattgebügelten und immer freundlich lächelnden Usbekistan wird es für meinen Geschmack mal wieder Zeit für ein bisschen Natur und unbequemes, individuelles Reisen. Darum und auch rein geografisch liegt ein Abstecher nach Tadschikistan nahe. Zur Grenze fährt kein Zug oder Bus, deshalb müssen wir auf die extrem günstigen Taxis zurückgreifen. Wir können nicht ganz nachvollziehen, wie die Taxifahrer hiermit überhaupt noch etwas verdienen und fühlen uns ein bisschen schlecht dabei, die Apps (die sicherlich ein Faktor dieser Preise sind) zu benutzen. Deshalb lassen wir uns von einem freundlichen Opi am Bahnhof gerne ein Angebot unterbreiten. Als er den vierfachen Preis verlangt und wir ihn auf den Preis in Yandex (der Taxi-App) hinweisen, winkt er ab und läuft davon. Na gut, dann eben nicht. Einen chaotischen, aber reibungslosen Grenzübergang später sind wir in Pandschakent angekommen. Die Tadschiken sind super freundliche Leute. Viele Fragen uns, woher wir kommen, die Kinder grüßen mit “Hello” und “Paka”. Wir sind während des Opferfests hier, bemerken das hauptsächlich daran, dass das einzige gute Restaurant der Stadt geschlossen hat und dass die Leute in der Nähe unseres Hostels ein Schaaf an einem Baum aufhängen und häuten.

Am nächsten Tag brechen wir zu unserem eigentlichen Vorhaben hier auf und schließen uns zwei Hostelmitbewohnern an, um eine kleine Tour zu den bekannten Seven Lakes in den Fann Mountains (im Pamir-Gebirge) zu machen. Neben ein paar Tagestouristen aus Samarkand treffen wir auf Rentner aus Österreich und der Schweiz, die mit ihren offroad-tauglichen, überdimensionalen Wohnmobilen aus ihren Heimatländern durch Russland bis hier an den vierten der sieben Seen gefahren sind. Ihr Fazit zur Gegend: “wie die Dolomiten, nur mit Seen”. Wir treten den Rückweg der Tour nicht an, sondern übernachten in einem der wenigen Gästehäusern hier in den Bergen. Bisher waren wir der Meinung, dass unser Vorhaben hier schon einigermaßen ungewöhnlich ist, lernen aber, dass es Projekte in ganz anderer Größenordnung gibt. Wir treffen zum Beispiel auf eine Amerikanerin, die schon 190 der 195 anerkannten Länder bereist hat, einen Dänen, der mit dem Fahrrad von zu Hause bis hierher gefahren ist und zwei weitere Amerikaner, die schon seit mehr als fünf Jahren auf der Welt unterwegs sind und mittlerweile von unterwegs aus arbeiten. Tags darauf umrunden wir den siebten See, der besonders morgens, wenn es noch ruhig ist und sich die Berge spiegeln, wunderschön ist. Wieder zurück in Pandschakent fallen wir abends müde, glücklich und sonnenverbrannt ins Bett.

Offenbar zu sonnenverbrannt, denn Klara geht’s am nächsten Tag nicht gut – kein Problem, wir verlängern einfach um eine Nacht. Tags darauf will ich vor dem Frühstück kurz Geld fürs Taxi holen. Schlechte Nachricht #1: Der Automat zeigt mir wieder mal an, dass ich kein Geld abheben kann – kommt in diesen Ländern ab und zu vor. Schlechtere Nachricht #2: Kurz bevor ich “beenden” klicken kann, fährt der Automat runter, schluckt meine Karte, startet wieder von neuem und behält die Karte. Ich versuche, die “internationale” Hotline anzurufen, die ist aber nur auf Tadschikisch und Russisch. Glück im Unglück: Die Bank hat eine Filiale im Ort. Zwar ist die heute geschlossen, aber tags darauf bekomme ich sie mit Unterstützung von Safar, unseres hilfsbereiten Hostelbesitzers, zurück. Auf dem Weg morgens zur Bank muss ich die Hauptstraße vor dem Basar durchqueren. Die Menschen wuseln umher, es duftet nach frisch gebackenen Samosas und so ziemlich jeder gönnt sich etwas zur Stärkung. Besonders auffällig häufig wird sich schon um diese Uhrzeit ein Softeis gegönnt – bei der Hitze gut verständlich.

Alltag auf dem Basar

Eine unbequeme, mehrstündige Fahrt mit dem Sammeltaxi später kommen wir am selben Abend in Khujand/Chutschand an. Einer der Aspekte, der Tadschikistan zum bisher schwierigsten zu bereisenden Land macht – neben dem nicht existierenden ÖPNV – ist, dass man jeden Ort auf vierzehn verschiedene Arten schreiben kann. Diese Variantenvielfalt gibt´s unter anderem deshalb, weil die Orte gleich mehrere Namen haben. Es kommt zum Beispiel auf die Ethnie der befragten Personen an, oder ob es vielleicht noch einen alten Namen aus Zeiten der UdSSR gibt. Wir bleiben nur für zwei Nächte hier und wollen uns ein bisschen die Stadt ansehen. Eines meiner persönlichen Highlights ist eine große Lenin-Statue, die einen Park ziert. Hierzu machen wir eine Fahrt mit der Seilbahn über den Fluss, die fast genau so lange dauert, wie derselbe Weg zu Fuß. Hier kriegt man eben richtig was für sein Geld. Der “Giant Lenin” macht seinem Namen alle Ehre, auch wenn es in Tadschikistan noch größere Abbilder gibt. Es ist heiß in Leninabad (ein weiterer Name für die Stadt) und es zieht ein Sturm auf, der den überall vorhandenen Sand und Staub durch die Luft weht. Die Seilbahn fährt bei diesen Bedingungen natürlich nicht, also müssen wir den Rückweg durch das Randgebiet der Stadt zu Fuß antreten. Klara bezeichnet diesen Teil von Khodjent als “menschenfeindlich”, was ich jetzt ein bisschen zu hart finde, aber die Richtung stimmt schon. Wir lassen uns mit der Marschrutka zum Basar bringen und bemerken an den irritierten Blicken der Leute dort schnell, dass sie hier selten Touristen sehen. Bei einer freundlichen älteren Dame kaufen wir Obst ein und schauen uns danach den Registan an. Der sieht ganz anders aus als zum Beispiel in Samarkand, nämlich unrenoviert und ein bisschen schäbig, deshalb besonders sehenswert. Abends holt uns wieder das Bargeldproblem ein – zwar dürfen wir dieses mal die Kreditkarten behalten, brauchen aber rund eine Stunde, bis wir endlich einen ATM finden, der noch ein bisschen cash für uns übrig hat. Entschädigt wird das Ganze mit dem besten Schaschlik, das ich jemals gegessen habe. Bevor wir weiterziehen, sehen wir uns noch auf dem Festungsgelände um, in dem sich unser Hostel befindet. Man kann hier verschiedenen traditionellen Handwerkern bei der Arbeit zusehen – ganz ungezwungen und immer mit einem freundlichen Lächeln. So haben wir Tadschikistan bei unserem kurzen Abstecher kennengelernt – nicht ganz einfach, aber herzlich und authentisch.

Zwei angenehme Taxifahrten später sind wir zurück in Taschkent – wir haben das Gefühl, noch nicht genug hier gesehen zu haben. Unsere erste Unterkunft, Anvars Guesthouse, ist gemütlich mit grünem Innenhof und – für Taschkent-Verhältnisse – zentral gelegen. Von hier aus können wir bequem unsere nächsten Reiseschritte überlegen, den Independence Park und das berühmte “Center for islamic civilization” besichtigen. Das ist für usbekische Verhältnisse relativ teuer, und erst vor kurzem fertiggestellt worden, mit freundlicher, finanzieller Unterstützung von Oligarchen und reichen muslimischen Ländern, wie man sagt. Eine geführte Tour durchs Museum ist obligatorisch, dauert nur zwei Stunden und ist ein extrem grober Abriss des Museums, ohne die Chance, sich eines der vielen interaktiven Terminals und Ausstellungsstücke genauer anzusehen. Diese Hektik, gepaart mit dem Bemühen des Guides bei jeder Gelegenheit zu betonen, wie viel besser in Usbekistan alles ist als im Rest der Welt, vermiest mir den Besuch dieses eigentlich großartigen Museums ziemlich. Meine steile These zu diesem schrägen Vorgehen: Die Kosten haben die Planung überstiegen und jetzt müssen mit Hochdruck so viele Personen wie irgendwie möglich durchgeschleust werden. Mittlerweile sind wir wieder mal an einem Punkt der Reise angelangt, an dem wir eine Pause brauchen – eigentlich eine gute Gelegenheit für einen Housesit oder Freiwilligenarbeit. Da es für beides in diesem Teil der Welt kein richtiges Angebot gibt, mieten wir uns für ein paar Tage in einer Wohnung am Stadtrand ein, um mal wieder für kurze Zeit ein geregeltes Leben zu haben. Ganz lassen können wir es aber auch hier nicht. Wir besuchen den nahegelegenen “Parkent Solar Furnace” – eine sowjetische Einrichtung, bei der mit Hilfe eines riesigen, gesteuerten Spiegels das Sonnenlicht gebündelt und ein Strahl auf bis zu 3000°C erhitzt wird. Früher wurde die Anlage für industrielle Zwecke genutzt, heute ist es eine Forschungseinrichtung, mit bis zu hundert Angestellten – was zum Teufel hier hundert Leute machen, erschließt sich mir nicht so direkt. Bei unserem Abstecher zum recht neu eröffneten Yengi Park bekomme ich eine bessere Vorstellung davon, wie Personal in Usbekistan eingesetzt wird. Wir können kaum andere Besucher auf diesem riesigen Gelände sehen, dafür aber Horden von Gärtnern, Reinigungskräften und selbstverständlich Sicherheitspersonal. Allein beim großen Monument hängen zwei Wachleute ab, die uns freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam machen, dass wir die offensichtliche Absperrung nicht überschreiten. An unserem letzten Abend gehen wir – wie an unserem ersten Abend hier – ins Plov-Center zum Abendessen. Und so schließt sich der Taschkent-Kreis.

Mit frisch geladenem Reise-Akku machen wir uns auf den Weg Richtung Ferghana-Tal. Als Ausgangspunkt suchen wir uns eine grüne Oase im heißen Margilan. Diese Gegend sieht nicht so viele Touristen wie die historischen Metropolen und wirkt insgesamt noch traditioneller und echter als diese. Wieder mal sind die Leute äußerst freundlich, eine Dame besteht darauf uns die Marschrukta Fahrt zu bezahlen, damit wir uns an sie erinnern. Englisch wird kaum gesprochen, dafür umso mehr russisch. In Margilan besuchen wir eine traditionelle, handwerkliche Seidenfabrik, in der noch heute vor Ort und verteilt in rund 200 Häusern mit einer manuellen Webmaschine die Seide hergestellt wird. Auch der Prozess der – nicht ganz so insektenfreundlichen – Garngewinnung wird hier noch durchgeführt und erklärt. Äußerst interessant und mit viel Tamtam präsentiert: Während wir vor Ort sind, sind noch zwei andere, wichtig aussehende Deutsche mit nicht weniger wichtig aussehender usbekischer Delegation vor Ort. “Uns” zu Ehren wird der Prozess der Batik-Färbung am Beispiel einer Deutschen Flagge aus Seide vorgeführt. Auch ins benachbarte Kokand zieht es uns, wo wir bei 38°C ordentlich gegrillt werden. Währenddessen können wir allerlei historische Gebäude aus der Zeit der Seidenstraße, während der russichen Kolonialzeit und später, als Kokand zum Fergana-Oblast der Usbekischen SSR gehörte, besichtigen. Die Hin- und Rückfahrt findet in einem Sammeltaxi statt, das uns Ali, ein freundlicher Marschrutka-Fahrer, per Telefon organisiert. Noch heute textet er uns ab und zu mal per WhatsApp. Dass die Uhren hier ein bisschen anders ticken, als im touristischen Teil Usbekistans, bemerken wir auch beim Essen gehen. Statt einer Karte oder Tafel werden uns einfach Exemplare der Grillspezialitäten vor die Nase gehalten, ein Fingerzeig und die Bestellung ist aufgegeben. Quasi wie per App. Mit viel Vorfreude auf Kirgistan machen wir uns auf den Weg, stehend und schwitzend im Bus von Andijan bis zur Grenze. Ein Junge fragt uns aus, über Fußball, was wir arbeiten, wie viel wir verdienen, ob die Straßen in Deutschland wirklich so gut sind. Sein fließendes Englisch hat er nach der Schule im selbst bezahlten Zusatzunterricht gelernt, denn in der Schule lern man nix, sagt er. Deshalb hat er Initiative ergriffen, um seinen Traum – International Business Administration in Malaysia zu studieren – verwirklichen zu können. Ich würde es ihm wünschen.


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